Der Völkermord an den Armeniern: Die vergessene Katastrophe des 20. Jahrhunderts

Gastbeitrag von Ferdinand Martin und Federico Steffan, verfasst im Rahmen des Geschichtsunterrichts am Freiburger Rotteck-Gymnasium

Aufgrund des 100. Gedenktags des Völkermords an den Armeniern am 24. April 2015 wurden wir erstmals auf dieses Thema aufmerksam und entschieden uns, einen Artikel über den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts zu schreiben. In unserem Artikel beantworten wir unsere Leitfrage, ob die deutsche Außenpolitik den Völkermord hätte verhindern können.

Historischer Kontext

Anfang des 20. Jahrhunderts bestanden verschiedene internationale Bündnisse in Europa: Die Triple Entente auf der einen und der Zweibund auf der anderen Seite. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. wollte für Deutschland einen “Platz an der Sonne“ und prägte damit die deutsche Außenpolitik. Für das Kaiserreich und seinen Kaiser war der Wettstreit um die Kolonien essentiell und notwendig, um Deutschlands Platz zu erreichen. Die Türkei und das angrenzende Armenien bildeten zusammen mit zahlreichen anderen Provinzen in Europa, Asien und Afrika das Osmanische Reich.

Deutschland und das Osmanische Reich: Ein Geben und Nehmen

Das Osmanische Reich hatte eine globalstrategisch wichtige Position, da es eine geografische Brücke von Europa zu Asien darstellte und eine schnelle Möglichkeit, nach Nordafrika zu gelangen, bot. Das war auch Kaiser Wilhelm II. bewusst. Aus diesem Grund hegte er gute Beziehungen zum Osmanischen Reich und war stets um deren Verbesserung bemüht.

Deutschland wollte sich das Osmanische Reich als Verbündeten sichern und im Bestfall im Kampf um die Kolonien von ihm unterstützt werden. Am 2. August 1914 wurde ein Bündnisvertrag der beiden Parteien unterschrieben, der sie im Kriegsfall zu Verbündeten machte. Durch seine geschwächte Position war das Osmanische Reich auf die Hilfe und Modernisierung Deutschlands angewiesen.

Das Interesse des wenig industrialisierten Osmanischen Reiches war es, seine eigene Position im Balkan zu stärken, die durch die Balkankrise 1878 geschwächt wurde, bei der das Reich einige Gebiete einbüßen musste. Deutschland unterstützte das Osmanische Reich diesbezüglich mit Modernisierung und Ingenieurstechnik, wie zum Beispiel der Bagdadbahn, die eine Zugstrecke von Istanbul nach Bagdad beschreibt und eine Weiterführung der vorhandenen Bahnstrecke Berlin – Istanbul ist. Diese Unterstützungen förderten eine wirtschaftliche Kooperation zwischen den beiden Großmächten und schufen Absatzmärkte beiderseits.

Ursachen des Konfliktes zwischen Armeniern und den Osmanen

Das Osmanische Reich war schon immer ein multiethnisches Reich gewesen, was den interkontinentalen Gebieten geschuldet war. Dennoch waren die nicht-muslimischen Bevölkerungsgruppen, wie zum Beispiel die christlich-orthodoxen Armenier, im Vergleich zu den muslimischen und zahlenmäßig überlegenen Türken unterprivilegiert. Bemerkbar machte sich das beispielsweise durch die doppelte Steuerlast, die die Armenier zu zahlen hatten. Sie waren den Muslimen nicht gleichgestellt, aber dennoch akzeptiert.

Internationale Spannungen

Im Artikel 61 des Berliner Vertrages, der 1878 unterzeichnet wurde und ein Abkommen zwischen den europäischen Großmächten und dem Osmanischen Reich bzw. dessen Sultan war, wurde den Armeniern Schutz vor kurdischen Übergriffen garantiert.

Das christlich geprägte Russland verstand sich als Schutzpatron der Armenier. Durch die aber nur halbherzige Umsetzung der Vereinbarung des Sultans entstand ein Spannungsverhältnis zwischen der Türkei und Russland, da die Armenier weiterhin mit gewalttätigen Übergriffen zu kämpfen hatten. Diese Spannungen entluden sich im Türkisch-Russischen Krieg im Jahre 1877/1878.

Bürgerkrieg

Durch die schlechte Situation, in der sich die Armenier befanden, wuchs ihr Nationalbewusstsein und das Streben nach Unabhängigkeit, mit der sie ihre Hoffnung auf eine bessere Situation verbanden. Da dieses Streben ignoriert wurde, bildeten sich radikale Gruppierungen wie zum Beispiel die Daschnak-Partei, die einen Terroranschlag auf osmanische Beamte durchführte.

Als Racheakt legitimierte der Sultan 1891 seine Kavallerie, deren offizielle Aufgabe es war, das Grenzgebiet von Russland und dem Osmanischen Reich zu schützen, mit dem Recht auf Plünderung der armenischen Gebiete. In den folgenden Jahren, besonders in den Jahren 1894 – 1896, kam es zu zahlreichen Massakern, Anschlägen und Toten auf beiden Seiten. Dabei starben ca. 80.000 – 300.000 Menschen und die allgemeine Lage, insbesondere die der Armenier, verschlechterte sich drastisch. Obdachlosigkeit und Hungersnöte wurden zum Alltag. Als Strafe wurde die Bewegungs- bzw. Reisefreiheit der Armenier stark eingeschränkt.

Politischer Umschwung

Ende Januar 1913 gelangten die ‚Jungtürken‘, eine oppositionelle politische Bewegung, durch einen Putsch an die Macht. Diese warben damit, dem Osmanischen Reich wieder zu alter Stärke zu verhelfen. Dies wollten sie durch Modernisierung in Politik, Militär und Wirtschaft erreichen. Ihr Ziel war es, ein rassisches Großreich zu etablieren. In diesem Großreich war für Minderheiten, wie zum Beispiel christliche Armenier, kein Platz vorgesehen.

Eskalation/Deportation

Am 14. November 1914 trat das Osmanische Reich den Mittelmächten im I. Weltkrieg bei.
Der gemeinsame Feind Russland wurde vom Osmanischen Reich in einer Großoffensive im Kaukasus angegriffen (Kaukasus-Krieg). Der Gegenangriff der Russen wurde von den Armeniern unterstützt, da sie im Krieg und den Veränderungen, die er mit sich bringen könnte, ihre Chance auf Unabhängigkeit und Autonomie sahen. Das Komitee “Einheit und Fortschritt“ der Jungtürken deklarierte die Armenier daraufhin zum Feindbild des rassischen Großreiches und begann mit großflächiger Entwaffnung und allmählicher Deportation der Armenier. Die Türken nannten es eine Umsiedlung als Maßregelung für das Fehlverhalten im Kaukasus-Krieg. Die Deportationen fanden unter katastrophalen Bedingungen und menschenunwürdigen Verhältnissen statt. Die Armenier wurden massenhaft in Güterzüge gezwängt, an Knotenpunkten im Reich gesammelt und daraufhin auf Märschen in die Syrische Wüsten geführt. Ziel war die kollektive Tötung der Armenier. Aus diesem Grund werden die Märsche auch als “Todesmärsche“ bezeichnet.

Hätte Deutschland den Genozid verhindern können?

Der damalige deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg sagte über die Beziehung zur Türkei 1915:

„Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darob Armenier zugrunde gehen oder nicht.“

Dieses Zitat belegt, dass Deutschland ein egoistisches Handeln an den Tag legte. Deutschland nutzte das Osmanische Reich und seine geographische Funktion aus, um seinen “Platz an der Sonne“ zu erreichen. Innenpolitische Angelegenheiten und die damit verbundenen Probleme ihres Verbündeten wollte Deutschland nicht sehen. Auf der anderen Seite hatte Deutschland die Druckmittel, wie zum Beispiel Geld und technisches Wissen, auf das besonders die Jungtürken angewiesen waren. Deutschland hatte damit das Osmanische Reich in der Hand und hätte den Genozid, durch Einschränkungen und Verträge, weitgehend verhindern können. Die Deutschen waren politisch und militärisch aber auf Kooperation mit dem Osmanischen Reich angewiesen und scheuten somit nachvollziehbar jedes Risiko, ihren Brückenverbündeten zu maßregeln und somit zu verlieren.

Sind die Menschen eigentlich menschlich?

Früher,  wenn ich mir manchmal Filme oder Videos über die wilden Tiere angeschaut habe, wo sie andere Tiere gejagt hatten, habe ich mir gedacht, die sind so wild und furchtbar. Die armen Beutetiere, besonders die kleinen Tierbabys, die waren oft so klein und hilflos. „Die Welt der Tiere ist so unfair und grob“ – dachte ich mir als Kind. Gott sei Dank sind wir Menschen und wir haben andere Regeln im Leben, wir bringen einander nicht um, um zu fressen und außerdem es ist eine Straftat bei uns. Und dadurch sind wir anders als die wilden Tiere. Aber sind wir eigentlich anders? Ja, wir töten einander nicht, nur weil wir Hunger haben. Wir machen es nicht nur aus der Not, wir sind “kreativer“. Bei uns gibt es eine Vielfalt an Gründen. Einige Leute oder Gruppen von Leuten machen es z.B., weil sie meinen, sie sind besser als diejenigen, die eine andere Denkweise haben oder einem anderen Volk, einer anderer Religion angehören, eine andere Hautfarbe haben u.s.w.  Stellen wir uns mal vor, dass der Löwe alle anderen Löwen sammelt und sagt: „Wir müssen die Zebras vernichten. Warum? Erstens, weil wir die besten Tiere sind und sie zweitens zwei unterschiedliche Farben haben: weiß und schwarz. Die sollen vernichtet werden“. Lächerlich oder? Ja, wenn die Tiere wüssten, welche Motive wir haben, um einander zu töten… Und mir fällt noch etwas ein, worauf die Tiere noch nicht gekommen sind und vielleicht nie kommen werden, und was heutzutage sehr aktuell in der Welt der Menschen ist. Und das sind die Terroranschläge. Ja, kein Wunder, dass die Menschen sowas erfunden haben: wir haben doch Vernunft, wir sind „kreativ‘‘ (vielleicht sollte ich das Wort Vernunft auch in Anführungszeichen schreiben oder doch nicht, wenn ich mich nicht irre, die Forscher haben es doch schon längst entdeckt, dass wir im Unterschied zu Tieren Vernunft haben, also lasse ich es lieber so). Ich sag doch, die Tiere sind langweilig und nicht so “kreativ“ bei solchen Sachen, wie wir.

Ich frage mich, warum einige Menschen manchmal so unmenschlich sind, warum sie einfach nicht ihr eigenes Leben führen und andere in Ruhe lassen. Haben sie nichts anderes zu machen? Ich wünsche mir, dass wir versuchen, im Frieden zu leben und nicht im Krieg, denn wie Herbert George Wells gesagt hat: “Wenn wir den Krieg nicht beenden, wird uns der Krieg beenden“. Also, lieber Mensch, sei bitte menschlich! Du hast schon genug gekriegt und dich selbst geschadet.

P.S.

Imagine all the people
Living life in peace,
Noting to kill or die for.

„Imagine“ von John Lennon

Komitas auf Deutsch

Am 26. September fand ein Chorkonzert zum Gedenken an den Genozid von 1915 in Eriwan statt. Es wurden die Werke von  Komitas gespielt. Er war ein armenischer Priester,  Komponist, Sänger, Chormusiker, Musikpädagoge und Musikethnologe. Komitas gilt heute allgemein als Begründer der modernen klassischen Musik Armeniens. Wer nur ein bisschen die armenische Kultur und Geschichte kennt, kann ganz gut verstehen, welche Bedeutung Komitas und seine Musik haben.

Das Konzert konnten wir in einem neu eröffneten Komitas-Museum genießen. Ich habe mich  immer daran gewöhnt, Musik von Komitas in der Aufführung von armenischen Musikern zu hören. Aber diesmal war alles ganz anders. Zuerst war es ein bisschen schwer und seltsam, Komitas auf Deutsch zuzuhören. Aber dann bin ich mit der Musik verschmolzen.

Ich habe mich immer gefragt, ob ich die gleichen Emotionen bei den verschiedenen Interpretationen von Komitas  haben würde oder nicht. Mir wurde es klar nach dieser Erfahrung: ja und noch einmal ja, ich bekomme Gänsehaut bei jeder Interpretation, egal wer, wann und wo es aufgeführt wird. Es war eine große Freude und Wonne, dem Spiel zuzuhören und den Abend vom Anfang an bis zum Ende ohne Pausen zu genießen. Die Veranstaltung hatte nicht nur das Ziel, die Werke von Komitas noch einmal vorzustellen, sondern hatte auch eine Mahnung in sich. Wie Prof. Thomas Buchholz (deutscher Musiker) sagte: „Auf besondere Weise will dieses Konzert die kulturelle Brücke zwischen Armenien und Deutschland weiterbauen, deren Bau lange vor dem Völkermord begann und nach unserer Hoffnung eine gedeihliche Zukunft haben soll”.

Die wichtigsten Ereignisse und Eindrücke der Bloggerreise

So etwas hatten meine Augen noch nie gesehen. Eine armenische Fahne in den Händen eines Türkens. Aber nicht mit Hass, sondern mit Verehrung und Verständnis. Eine unserer türkischen Teilnehmerinnen hatte eine armenische Fahne gekauft. Als sie die Fahne aus ihrer Schultasche herausnahm, bekam ich Gänsehaut. Das hatte ich nicht erwartet. Sie schaute mit ihren blitzenden Augen alle an und lächelte ernst. Ihr Lächeln war voller Stolz. In diesem Moment habe ich verstanden, dass wir dank dieses Programms schon einen kleinen Schritt nach vorne gemacht hatten.

Mariam, Armenien

Einer der Schlüsselmomente unseres Programms war Metins Vortrag über Nationalität und Identität am Beispiel des armenischen Völkermords. Die objektive und kritische Art mit der Metin über die damaligen Ereignisse sprach, war entscheidend für eine vorurteilsfreie Vorstellung von dem armenisch-türkischen Konflikt bei allen Teilnehmern. Für das Ziel des Programms, die türkische-armenische Versöhnung, war dieser Beitrag ausschlaggebend.

Nazlı, Türkei

Es war immer mein Traum, einmal in der Türkei zu sein. Ich habe dort wunderschöne Momente erlebt. Ich hielt mein Versprechen und traf meine Freundin Başak. Ich fühle mich sehr froh und glücklich. Ich habe so nette und freundliche Menschen kennengelernt, die jetzt meine Freunde sind. Darüber freue ich mich sehr. Leider war die Zeit sehr kurz und jetzt müssen wir uns trennen. Ich fühle Leere.

Taron, Armenien

Vor der Reise war Eriwan ein Traum für mich, aber nach nun einer Woche in Eriwan kenne ich viele Straßen, weswegen ich die Stadt nun von der Liste streichen kann. Besonders wegen der langen Busfahrten mit unserer tollen Gruppe war die Reise super. Wir haben zusammen geschlafen, schlaflos gearbeitet, gesungen und gelacht. Jetzt habe ich 23 neue Lieblingsfreunde. Auf dieser Reise habe ich außerdem gelernt, dass das wichtigste die Hoffnung ist. Und ich habe die Hoffnung, dass wir uns in der Zukunft wiedersehen werden.

Gizem Ö., Türkei

Kaum etwas wäre wichtiger und effektiver für die armenisch-türkische Annäherung, als die gemeinsamen Kulturrealien gemeinsam zu erleben. Als während einer langen Busfahrt Ferhat und Anush in ihrer jeweiligen Muttersprache das Lied „Sarı Gelin/Sari Aghtschik“ gemeinsam sangen, erfüllte die Bloggerreise  meiner Ansicht nach ihren impliziten Hauptzweck. Der wiederholte Auftritt des Duetts in der deutschen Botschaft verlieh dieser Initiative einen noch schicksalhafteren Charakter. Ich war überglücklich, den Augenblick miterlebt zu haben.

Michael, Armenien

Die beeindruckendste Situation für mich war, als sich Metin Abi sich von uns verabschiedet hat. Ich war sehr traurig. Ich hatte mich sehr an Metin Abi gewöhnt. Nachdem er nach Deutschland zurückgefahren war, fühlte ich mich wie ein Waisenkind. Ich hoffe, dass ich in der Zukunft wieder gemeinsam mit Metin Abi an einem Projekt teilnehmen kann.

Batuhan Özsoy, Türkei

Auf dem langen Weg nach Armenien, der ungefähr zwanzig Stunden dauerte, hatte ich die Gelegenheit mich außerhalb der Programmpunkte und Blogeinträge mit meinen armenischen Freunden zu unterhalten. Erst habe ich sie gebeten, mir ein paar Sätze auf Armenisch beizubringen. Eine fremde Sprache mit Einheimischen zu lernen, macht immer Spaß. Es sagt auch vieles über die Denkweise der Menschen aus. Umso später es wurde, fielen viele in den Schlaf. In der Stille unterhielten wir uns über Ähnlichkeiten und Unterschiede der armenischen und türkischen Kultur und teilten unsere persönlichen Erfahrungen, unsere Beziehungen und Gefühle miteinander. Ich finde, dass man mit Gesprächen, die sich nicht nur mit Politik befassen, sondern etwas Persönliches teilen, viel engere Beziehungen aufbauen kann. Damals im Bus war auch der Moment, an dem wir fühlten, dass wir noch viel mehr Zeit miteinander verbringen sollten.

Irem, Türkei

Vor der Reise hatte ich noch nie einen Türken getroffen und ich hatte einfach keine Vorstellung von ihnen. Ich hatte nur schlechte Dinge über sie gehört, aber jetzt habe ich eine andere, eine positive Meinung. Ich habe zehn türkische Freunde, mit denen ich jetzt verbunden bin, und will mich eigentlich nicht von ihnen verabschieden. Jeder von ihnen ist eine besondere Persönlichkeit. Wir haben zusammen eine wunderschöne Zeit verbracht und sind jetzt wie eine Familie, die aus 23 Personen besteht. Wenn nur einer fehlt, sind wir keine Familie mehr. Heute ist der Tag unserer Trennung. Wenn es möglich wäre, würde ich sie nicht gehen lassen. Ich bin mir sicher, wir sehen uns in der Zukunft wieder.

Vergesst nie: Freundschaft ist das stärkste Ding in der Welt

und kann alle Schwierigkeiten gemeinsam überwinden.

Suzanna, Armenien

Ich war ganz fokussiert auf das Bloggen. Dann kam Taron und ließ einige Sachen auf meinem Tisch. Eine Flasche Granatapfelwein (nran gini) und einen Magneten mit einem Bild Eriwans. Als ich die Geschenke sah, bekam ich ein schlechtes Gefühl in meiner Seele. Ich verstand, dass die Abschiedszeit gekommen war. Ich bin keine Person, die sehr oft weint. Aber in diesem Moment gab es nichts zu tun, außer zu weinen. Ich hätte nie gedacht, dass ein Abschied mich so traurig machen könnte. Ich habe ihn umarmt und mir gewünscht, dass dieser Moment für immer andauern würde.

Başak, Türkei

Während der Bloggerreise gab es in jeder Stadt einzigartige Eindrücke und Sehenswürdigkeiten. Alles war so verschieden zusammen verbunden, dass man es kaum voneinander trennen konnte. Beispielsweise war der Blick auf’s Meer in allen Städten anders. In Istanbul war die Bewegung auf dem Meer am auffälligsten, in Samsun seine Farbe und in Ordu die Schönheit. Insgesamt denke ich, dass in der Türkei großer Wert auf das Meer gelegt wird.

Gevorg, Armenien

Die letzten 15 Tage waren ein unvergesslicher Lebensabschnitt. Alle Momente der Reise waren beispiellos. Die Reise war eine türkische-armenische Reise, aber meine beeindruckendste Erinnerung war ein Interview mit einem kurdischen Jungen. Normalerweise habe ich keine Vorurteile. Aber es ist leicht über Gebiete und Menschen zu sprechen, die wir nicht kennen. Durch dieses Interview habe ich gelernt, dass wir diese Menschen kennenlernen und diese Gebieten bereisen müssen, um uns eine Meinung zu bilden und ihnen helfen zu können. Das gilt auch für Armenien. Viele Menschen haben ein schlechtes Bild von Armenien, aber sie kennen keine Armenier. Das ist nur ein Vorurteil. Diese Reise hat uns geholfen, die Armenier kennen zu lernen. Jetzt habe ich viele armenische Freunde und auch viele neue türkische Freunde, die genauso denken wie ich. Wir können alles miteinander machen, wenn wir zusammen sind.

Aydan, Türkei

Im Museum der anatolischen Zivilisationen in Ankara habe ich viele überraschende Sachen und Denkmäler gesehen. Zum Beispiel habe ich die Keilschrift des Königs der alten urartäischen Zivilisation Argischti bewundern können. Das war sehr beeindruckend, weil in Armenien alle die Geschichte von Urartu aus der Schule kennen und die alte Hauptstadt von Urartu im Gebiet von Eriwan liegt. Im Museum habe ich Anatolien als das Wohngebiet der Menschen und Nationen erkannt, in dem später die Armenier und Türken zusammen gelebt haben.

Arshak, Armenien

Die Bloggerreise war sehr gut. Wir haben bei diesem Projekt viele gute Freunde kennengelernt. Mit diesem Projekt habe ich meinen Horizont erweitert. Ich habe auf Fragen, die ich mir seit meiner Kindheit stelle, in Eriwan Antworten gefunden. Wir haben viele Städte besucht und verschiedene Gerichte probiert. Durch dieses Projekt habe ich ein neues Weltbild gewonnen. Besonders Metin Abi war hat uns weitergebracht. Er ist sehr intellektuell und klug. Er hat uns mit seinen Informationen und Gedanken aufgeklärt. Ich möchte mich bei Mira und Wiebke dafür bedanken, dass sie Metin Abi eingeladen haben. Abschließend kann man sagen, dass dieses Projekt sehr hilfreich war und ich möchte mich nicht von meinem neuen armenischen Freund Taron trennen. Ich hoffe, dass wir uns bald in Istanbul wiedersehen werden.

Ferhat, Türkei

 

Ich werde nie den Moment vergessen, als zwei Türken auf dem Boden des Zizernakaberd–Denkmals saßen und mit feuchten Augen auf die ewige Flamme starrten. Für mich war es sehr spannend zu sehen, wie die jungen Türken unser Leid respektierten und an ihre Vergangenheit dachten. Mir war es nicht wichtig, dass sie sich schuldig fühlen. Mir reichte es, dass sie sich mit der Wahrheit konfrontiert hatten. Ihre feuchten Augen waren alles für mich.

Anush, Armenien

Für mich war unsere Freundschaft das eindrucksvollste Ereignis. Ich konnte am Ende nicht mehr unterscheiden, wer ein Armenier und wer ein Türke war. Es war so, als wären wir alle aus derselben Nation. Es fühlte sich so an, als ob ich alle schon seit langer Zeit kennen würde. Jeder Einzelne hat eine besondere Eigenheit, die mir vieles beigebracht hat. Ich bin sehr froh, dass ich solch gute Freunde getroffen habe. Und jetzt ist es schwer, alle zu verabschieden. Trotzdem bin ich für alles dankbar.

Ipek, Türkei

Eine kurze Geschichte, ein kurzes Leben,

Ein kleines Stück von einigen Herzen,

Ruft uns schnell, ruft uns eifrig,

Ohne Träne, ohne Traurigkeit.

Zwei Wochen, wunderbare Wochen, ich kann sie nicht beschreiben, es war super, lustig, cool. Kein Wort passt zu diesem Gefühl. Viele Freunde, neue Überraschungen, neue Erkenntnisse. Ich werde mich immer dran erinnern. Ich bin sehr dankbar.

Vielen Dank liebe Wiebke

Vielen Dank liebe Mira

Vilene Dank lieber Andreas

Vielen Dank lieber Metin

Vielen Dank DAAD

und

Vielen Dank meine lieben Freunde

Zare, Armenien

Zare und Aydan im Jahr 2055

Aydan – Hallo!

Zare – Hallo!

Aydan – Wie geht es dir?

Zare – Es geht, danke, und dir?

Aydan – Danke , gut.

Zare – Aydan, wo wohnst du jetzt?

Aydan – In Çeşme. Das liegt im Westen der Türkei.

Zare – Warum gerade Çeşme?

Aydan – Weil ich das Meer sehr mag, aber ich kann auch nicht von der Großstadt lassen und Çeşme liegt nah bei Izmir. Und wo wohnst du?

Zare – Liebe Aydan, für mich ist es sehr schwer zu sagen, wo ich eigentlich lebe. Ich habe kein Haus. Ich wohne, wo ich will, weil ich meinen Traum lebe. Und mein Traum ist, humanitäre Arbeit für alle zu machen. Das bedeutet, dass ich schon überall war.

Wieviele Kinder hast du?

Aydan – Ich habe vier Kinder, und du?

Zare – Ich habe sechs Kinder adoptiert. Warum ausgerechnet sechs Kinder? Als ich noch ein Kind war, habe ich gesagt, dass ich sechs Kontinente einen möchte, also dorthin  Gleichheit und Freiheit bringen will. Mein Versuch ist schon ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. In meiner Familie leben Menschen aus sechs Kontinenten und alle lieben einander sehr, würden sogar füreinander ihr Leben geben. Das ist meine Familie.

Was hast du so gemacht? Also, welche schweren und guten Zeiten hast du erlebt?

Aydan – Ich habe bis letztes Jahr gearbeitet. Jetzt habe ich ein kleines Cafe .Und du?

Zare – Wie gesagt, ich war in vielen Länder und habe vieles mit meinem Mann gemacht. Ich bin ihm dankbar, dass er mir viel geholfen hat und meine Idee unterstützt hat.

Hast du Enkel?

Aydan – Nein, ich habe keine. Meine Kinder sind noch nicht verheiratet, und du?

Zare – Ja, natürlich. Ich habe schon zwei Enkel, Zwillinge. Tollerweise leben wir zusammen. Ich bin sehr froh und stolz. Was gab es für schmerzhafte Erfahrungen bei dir?

Aydan – Ich will nicht darüber sprechen, und bei?

Zare – Ayyy, ehrlich gesagt gab es viele Schwierigkeiten und Enttäuschungen gehabt, die nicht leicht für mich waren. Aber am schmerzlichsten war der Verlust. Eigentlich habe ich nur Angst davor.

Aydan –  Hast du jemanden verloren?

Zare – Ja. Leider ja. Ich habe viele verloren, einige leben noch und einige nicht mehr. Ich kann das nicht vergessen. Jeden Morgen erinnere ich mich und der Schmerz ist da, weil ich weiß, dass ich sie nie wieder sehen werden kann.

Aydan – Hast du Angst vorm Sterben?

Zare – Komisch, man spricht beim Thema Sterben immer über Schmerzen und Angst. Ich habe kein Angst, hatte ich noch nie! Als ich drei Jahre alt war, habe ich das zum ersten Mal gesagt, weil damals in meinem Leben etwas sehr Wichtiges geschehen war, was mein Leben komplett verändert hat und seitdem war ich erwachsen. Warum ich kein Angst habe? Weil ich nicht weiß, was danach kommt. Und du?

Aydan – Nee, mir geht’s genauso.

Zare – Danke, liebe Aydan, unsere Begegnung war sehr interessant.

Aydan – Ja, dir auch vielen Dank!

Türkisch-armenisches Verwandtschaftsvokabular

Hier eine Aufstellung einiger Wörter, die in beiden Sprachen vorhanden sind. Im Armenischen haben sie meistens einen sehr umgangssprachlichen Charakter. Manche türkischen Wörter können arabischer Herkunft sein. In eckigen Klammer werden die armenischen Wörter auf Deutsch (mit ch, tsch usw.) transkribiert, (ungefähr) übersetzt (wobei die meisten türkischen Wörter phonetisch und semantisch ähnlich sind) und manchmal für Armenier mit literarischen armenischen Äquivalenten versehen.

Die Reihenfolge ist immer: Türkisch – Armenisch [Transkription]: deutsche Übersetzung

(içli) köfte – (իշլի) քյուֆտա [ischli qjufta]: Frikadelle

aman – աման [aman]: ungefähr: „du meine Güte!“

aziz – ազիզ [aziz]: wie: „lieb(e/er)“

baht – բախտ [bacht]: Glück, Schicksal

bereket – բարյաքյաթ [baraqjat]: Fruchtbarkeit, Segen

biber – բիբար [bibar] (պղպեղ): Paprika

bırakmak – բրախել [brachel]: etw. (liegen) lassen

bol bol – բոլ բոլ [bol bol]: reichlich

boy – բոյ [boy]: (Körper) Größe

cahil – ջահել [dschahel]: unerfahren (und einfältig)

çamur – չոմուռ [tschamur]: dreckig; չամռվել [tschamrvel]: belästigen

can – ջան [dschan]: Leib / Seele

çap – չափ [tschap]: Größe, Durchmesser

çare – ճար [tchar]: Ausweg, Heilmittel

cep – ջեբ [dscheb] (գրպան): Hosentasche

çerez – չարազ [tscharaz]: Vorspeise (auch Trockenfrüchte, Nüsse)

çöl – չոլ [tschol]: Wüste

dert – դարդ [dard]: Leiden, Sorge

dik – դիք [diq]: Steilhang

haber – խաբար [chabar] (նորություն): Nachricht

haç – խաչ [chatsch]: Kreuz

hâlâ – հըլը [hələ] (դեռ): noch immer

halı – խալի [chali]: Teppich

hasiyet – խասյաթ [chasjat] (բնավորություն): Charaktereigenschaft,

hatır – խաթր [chatr]: ungefähr: Ansehen, Achtung; vgl. hatırım için – [chatris hamar]: aus Gefälligkeit

hayvan – հայվան [hajwan]: „Tier“ (auch als Schimpfwort)

hem (…) hem (…) համ (…) համ (…) [ham (…) ham (…) ]: sowohl (…) als auch (…)

herif – հարիֆ [harif]: Kerl, Trottel

heves – հավես [hawes]: Lust auf etwas

hıyar – խիյար [chijar] (վարունգ): Gurke

inadına – ինադու [inadu]: jdm. zum Trotz, ausgerechnet

kâr – քյար [qjar]: Gewinn, Profit

keyif – քեֆ [qef]: gute Laune, Vergnügen

kiraz – կեռաս [keraz]: Süßkirsche

kısmet – ղըսմաթ [ghsmat]: ungefähr: Schicksal, Verhängnis

kök – քոք [qoq] (արմատ): Wurzel

kör – կյոռ [qjor] (կույր): blind

küfür – քֆուր [qfur] (հայհոյանք): Schimpfwort

kurban – ղուրբան [ghurban]: Opfer

leke – լաքա [laqa]: schmutziger Fleck

meydan – մեյդան [meydan]: (öffentlicher) Platz

mum – մոմ [mom]: Kerze

namus – նամուս [namus]: Ehre

nar – նուռ [nur]: Granatapfel

nişan – նշան [nschan]: Zeichen, Verlobung

örnek – օրինակ [orinak]: Beispiel

oyun – օյին [ojin]: Spiel, Partie

para – փարա [para]: Geld

peynir – պանիր [panir]: Käse

pis – փիս [pis]: dreckig, gemein

rastlanmak – ռաստվել [rastvel]: jdm. zufällig begegnen

sağ – սաղ [sagh]: gesund, lebendig

sille – սիլլա [silla] (ապտակ): Ohrfeige

şişe – շիշ [schisch]: Flasche,

suspus – սուս(փուս) [sus(pus)]: (sei) still

taze – թազա [taza] (նոր): frisch, neu

tel – թել [tel]: Faden

tembel – թամբալ [tambal]: faul, Faulpelz

ters – թարս [tars]: gegensätzlich, umgekehrt

tike – թիքյա [tiqja]: kleiner Teil, bisschen

tıraş – թրաշ [trasch]: Rasur

usta – ուստա [usta]: Meister

yağ – յուղ [jugh]: Öl

yan – յան [jan], (rechte / linke) Seite

yani – յանի [jani] (իփրև): angeblich

yavaş yavaş – յավաշ յավաշ [javasch javasch]: langsam, nach und nach

yol (açmak) յոլ [jol], z.B. in յոլլա գնալ [jolla gnal]: ungefähr: über die Runden kommen

zeytin – զեյթուն [zeytun]: Olive

zor – զոռ [zor]: Schwierigkeit, Mühe

Zudem gibt es eine Vielzahl an ähnlichen oder gar gleichen morphologisch-syntaktischen Konstruktionen und Redewendungen im Armenischen und Türkischen.

Interessant ist auch der armenische Familienname „Demirdschjan“. Seinem türkischen Ursprung zufolge bzw. seiner eigentlichen Bedeutung nach ist er mit dem armenischen Familienname „Darbinjan“ synonym, weil „demirci“ auf Türkisch eben „դարբին“ [darbin] – „Schmied bedeutet.

Michael

Die blonde Braut / Für die Winde der Berge will ich sterben

In Erzurum gibt es viele Basare, o meine Leyla,
O meine Leyla, o meine Leyla, meine blonde Braut.
Dort geht ein Mädchen, möge ihr Mütterchen sterben, o blonde Braut,
O blonde Braut, o blonde Braut, o Geliebte.

Für die Winde der Berge will ich sterben,
Für die Größe meines Geliebten will ich sterben.
Schon ein Jahr
Habe ich ihn nicht gesehen.
Wer ihn sah,
Für seine Augen will ich sterben.

In Erzurum gibt es einen Vogel, o meine Leyla,
O meine Leyla, o meine Leyla, o meine blonde Braut.
Er hat Silber an seinen Flügeln, o möge ihr Mütterchen sterben, o blonde Braut,
O blonde Braut, o blonde Braut, o mein Liebchen.

Ich stehe hier und kann nicht gehen,
Bin voller Tränen und kann nicht weinen.
Schon ein Jahr
Habe ich ihn nicht gesehen.
Wer ihn sah,
Für seine Augen will ich sterben.

In ihrer Hand hat sie eine Feder, o meine Leyla,
O meine Leyla, o meine Leyla, o meine blonde Braut.
Sie schreibt gegen meinen Kummer eine Arznei, o möge ihr Mütterchen sterben, o blonde Braut,
O blonde Braut, o blonde Braut, o mein Liebchen.

Die Flüsse führen kein Wasser,
Keine Nachricht von meinem Geliebten.
Vielleicht ist sein Herz erkaltet,
Schreibt mir keinen Liebesbrief.
Schon ein Jahr
Habe ich ihn nicht gesehen,
Wer ihn sah,
Für seine Augen will ich sterben.

Palandöken ist ein schöner Berg, o meine Leyla,
O meine Leyla, o meine Leyla, o meine blonde Braut.
Unter dem Weinberg gibt es violette Hyazinthen, o möge ihr Mütterchen sterben, o blonde Braut,
O blonde Braut, o blonde Braut, o mein Liebchen.

Ich gebe dich nicht in fremde Hände, o meine Leyla,
O meine Leyla, o meine Leyla, o meine blonde Braut.
Wie schlimm ist dieser Zustand, o meine Leyla,
O meine Leyla, o meine Leyla, o meine blonde Braut.

Mira, İrem, Ferhat, Anush, Wiebke