Kategorie-Archiv: Eriwan

Paradschanow und die kleinen Überraschungen

Weil ich unbedingt das Paradschanow Museum besichtigen wollte, bin ich heimlich in der Mittagspause dorthin gerast. Als ich am Museum ankam, begrüßte mich ein Mann, sagte den Preis und fragte mich, woher ich komme. Für ein Paar Sekunden hatte ich die Frage ignoriert und konzentrierte mich darauf, ihm das Eintrittsgeld zu geben. Als er das zweite Mal fragte, dachte ich: „Wie schlimm könnte schon ein Mitarbeiter in einem Museum, das Paradschanow gewidmet ist, reagieren?“ Also sagte ich, dass ich aus der Türkei komme. Ich kannte Paradschanow als Regisseur, aber auch von seiner Kunst war ich sehr begeistert. Nach meiner Besichtigung habe ich den gleichen freundlichen Mann gefragt, wo ich ein Taxi finden könnte. Auf der Straße fand ich einen alten Taxifahrer. Ich rief Michael an, damit er dem Fahrer den Weg erklären konnte. Während der Fahrt fragte mich der Mann auf Armenisch, ob ich Armenierin sei. Ich habe seine Fragen auf Armenisch mit „ja“ und „nein“ beantwortet. Er hat mir – soweit ich es verstanden habe – gesagt, dass ich unbedingt Armenisch lernen solle. Dann hat er angefangen zu raten, woher ich komme. Amerika, Spanien, Italien, Polen, Russland, Frankreich und Deutschland. Als wir ankamen,  gab ich ihm das Geld und sagte auf Armenisch :“Yes yegel em Turkeyz“. Daraufhin hat er mit seinem Zeichenfinger zuerst auf sich und dann auf mich gezeigt, womit er sagen wollte, dass er auch aus der Türkei kommt.

Irem

Über Sevan, Molokanen und Patriotismus

Wir wurden von dem russischen Paar Ivan und Nadja herzlich begrüßt und haben direkt mit dem Interview angefangen.

Wann sind sie hierher gekommen? Oder sind sie hier geboren? Was ist ihre Lebensgeschichte?

Ivan: Im Jahre 1840, als Nicolai der Erste der König von Russland war, hat er die Molokanen wegen ihrer Religion aus Russland in verschiedene Länder ausgewiesen.  Molokanen sind auch Russen, nur ihre Religion unterscheidt sich von der Russisch-Orthodoxen Kirche.

Die Molokanen glauben nur an Jesus Christus, sie akzeptieren nicht das Kreuz als Symbol. Sie denken, dass Jesus Christus bei der Kreuzigung sehr gequält wurde und deswegen betrachten sie das Kreuz nicht als etwas Heiliges. Wegen dieser Meinungsverschiedenheit hat Nicolai der Erste diese Gemeinde gesammelt nach Zentralasien und in den Kaukasus getrieben: Semyonovka, Kalinov, Karakli, Fialetov, Eriwan und sogar Kars. Eine Gruppe hat im heutigen Sevan das Dorf Yelenofka gegründet und wohnt bis heute an diesem Ort. Wir stammen aus dieser Gemeinde.

Wie war Ihre Kindheit und wo haben Sie sie verbracht?

Nadja: Wir haben unsere Kindheit in einer russischen Umgebung verbracht, aber obwohl unsere Schule russisch war, waren die meisten unserer Freunde Armenier.

Haben sie Konflikte mit Armeniern gehabt?

Ivan: Nie. Die Bevölkerung unserer beiden Nachbardörfer, ein russisches und armenisches, lebt bis heute in Frieden.

Sind sie Russen oder Molokanen?

Ivan: Wir sind Russen, aber man nennt uns Molokanen.

Was bedeutet das Wort Molokan?

Ivan: Es gibt zwei Versionen. Einige sagen, dass es in der Region Tambov ein Fluss mit dem Namen Malagavar gab, wo unsere Vorväter gelebt haben. Ein andere Version führt den Namen darauf zurück, dass es nur wenige von diesen Leuten gab. Auf Russisch heißt wenig „malo“ und deswegen hat man diese Menschen so genannt.

Wie war ihre Jugend?

Nadja: Nach dem Grundschulabschluss sind wir zusammen zum Gymnasium gegangen. Besonders die Pionerzeiten mit Reisen in verschiedene Länder sind uns in Erinnerung geblieben.

Ivan: Damals gab es keine Grenzen. Besonders zu Zeiten der Sowjetunion hatten wir die große Möglichkeit, zu günstigen Preisen ins Ausland zu fahren. Wahrscheinlich hatten wir damals mehr Möglichkeiten als die heutige Generation.

War es leicht als Teil einer Minderheit eine Arbeit in Armenien zu finden?

Nadja: Wir haben uns hier nie als Fremde gefühlt. Wir waren und sind Bewohner dieses Landes. Wenn das Volk in einer schlechten Situation war, wie zum Beispiel in den neunziger Jahren, war unsere Situation auch schlecht. Jetzt ist es viel besser geworden und hoffentlich bleibt es so.

Ivan: Was die Arbeit betrifft, haben wir keine Probleme. Ich bin Schweißer. Oft wählen die Arbeitgeber sogar speziell Russen aus, weil sie mehr Vertrauen in ihre Arbeit haben.

Gibt es Feiertage, die sie gerne feiern?

Nadja: Wir feiern nicht nur russische, sondern auch armenische Feste. Unser beliebtestes Fest ist Ostern. Im Unterschied zu den Armeniern feiern die Russen Ostern an einem anderen Tag  wir feiern beide.

Ivan: Wir feiern aber religiöse Feiertage nicht so stark. Wir glauben an Gott und für uns ist es wichtig von ganzen Herzen gläubig zu sein und immer gutes zu tun. Sehr wichtige Tage sind für uns unsere Geburtstage und Hochzeiten.

Nadja: Es war auch ein sehr besonderer Tag, als unsere Tochter ihr Medizinstudium absolviert hat.

Welche Sprache sprechen sie zu Hause?

Ivan: Meistens sprechen wir auf Russisch, aber wir benutzen auch sehr viele armenische Wörter. Meine Tochter und mein Enkelkind sprechen und lesen auf Armenisch. Meine Tochter ist auf eine russische Schule gegangen, hat aber an einer armenischen Universität studiert. Mein Enkelkind ist an einer armenischen Schule, aber es wäre besser, wenn sie auch auf eine russische Schule gehen würde. Das Problem besteht darin, dass es nur sehr wenige russischen Schulen gibt und die Zahl der Russischlehrer immer kleiner wird.

Wie wäre Ihr Leben, wenn Sie Armenier wären?

Ivan und Nadja: Genauso.

Was denken sie über die neuen Russen, die nach Armeniern ziehen?

Nadja: Wir kennen nicht so viele neuen Russen. Es gibt sehr wenige Russen, die zum leben hier her kommen. Nach Russland ist es schwer, in Armenien zu leben.

Ivan: Umgekehrt ist es auch schwer. Ich bin dreimal nach Russland gefahren, und dort habe ich das Gefühl gehabt, dass es in Armenien viel besser ist.

Nadja: Mein Mann ist ein großer armenischer Patriot.

Ivan: In Russland leben die Russen anders. Wir haben uns an Armenien gewöhnt. Ich werde niemals Armenien verlassen, ich werde hier sterben.

Was denken sie über die Armenisch-Türkischen Beziehungen und unsere Bloggerreise?

Ivan: Auf der ganzen Welt soll immer Frieden herrschen. Das ist mein einziger Wunsch. Diese zwei Völker müssen auch in Frieden leben und offene Grenzen haben. Krieg hat noch nie jemandem etwas gutes getan.

Nadja: Ich möchte, dass die Türken den Völkermord an den Armeniern anerkennen. Sie habe so viele Menschen getötet. Die Tatsachen und Bilder sind so schrecklich, das darf man nicht vergessen. Über eurer Programm kann ich sagen, dass es eine gute und gelungene Zusammenarbeit ist. Es ist ein wichtiger Schritt der jungen Generationen, um die Beziehungen zu verbessern.

Anfangs war Nadja sehr interessiert daran, die Fragen zu beantworten, aber später hat Ivan dann die Konversation in die Hand genommen. Nadjas Körpersprache war sehr ruhig und sie sah traurig aus; Ivan hingegen benutzt viel Mimik und Gestik während seiner Antworten und er war dabei sehr amüsant, aber streng. Als er angefangen hat zu husten, ist er vom Tisch gegangen, um unsere Aufnahme nicht zu stören. Ab und zu haben sie mit uns (den türkischen Studentinnen) Späße gemacht. Daher haben wir verstanden, dass sie sich wohlgefühlt haben. Bei der letzten Frage fing Nadja an zu weinen, aber lächelte gleich danach wieder. Vielleicht war das Lächeln Armenien und das Weinen Russland. Wie man so sagt: Lachen und Weinen sind Geschwister. Länder können sich ändern, aber die Gefühle sind immer da, vielleicht sind sie grenzenlos.

Yeranuhi Smbatyan, Irem Gülersönmez, Zeynep Öner

Interview mit Aydin Ardestano, einem Iraner in Eriwan

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Erzählen Sie uns bitte Ihre Lebensgeschichte. Wann und wo sind Sie geboren?

Ich bin 1987 im Iran geboren. Bis ich 17 Jahre alt war, habe ich im Iran gelebt. Dann bin ich nach Armenien gezogen, habe hier studiert und gearbeitet.

Wie fühlen Sie sich als Iraner in Armenien?

Das ist keine leichte Frage (lacht). Ich kann auf diese Frage nicht allgemein antworten. Es gibt nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile.

Wenn Sie Menschen treffen, wie begegnen sie Ihnen? Stellen Sie sich als Iraner oder als Armenier vor?

Auf diese Frage kann ich auch nicht allgemein antworten, da es viele Leute gibt, die mich akzeptieren, wie ich bin und wir werden gute Freunde. Aber es gibt auch solche Menschen, die mit mir wegen meiner Nationalität keinen Kontakt wollen.

Haben Sie schnell Armenisch gelernt und gibt es Unterschiede oder Ähnlichkeiten zwischen der armenischen und persischen Sprache?

Für mich war es leicht, Armenisch zu lernen, da es viele ähnliche Wörter gibt und auch in der Grammatik gibt es Ähnlichkeiten.

Warum sind Sie nach Armenien gekommen, um zu studieren oder zu arbeiten?

Ehrlich gesagt, wollte ich nach Kanada fahren, um dort zu studieren und zu arbeiten. Aber es hat nicht geklappt. Eines Tages habe ich ein Magazin gekauft und entdeckte eine Anzeige über ein Ausbildungsprogramm in Armenien. Das hat mich interessiert und ich beschloss nach Armenien zu fahren. Aber eigentlich kam ich nur für den Bachelor.

Welchen Schwierigkeiten sind Sie in Armenien begegnet, als Sie mit 17 nach Armenien kamen?

Für einen 17-jährigen Jungen war es schwer, sich in einer fremden Umgebung zu orientieren. Ich konnte die Sprache nicht, hatte keine Freunde, bei denen ich übernachten konnte. Ich habe sogar im Mülleimer geschlafen. Mein Vater ist reich, aber ich wollte niemanden um Hilfe bitten. Ich bin eine Person, die sich viel Mühe gibt und seinen Erfolg selbst erreichen möchte. Aber Gott sei Dank habe ich die Sprache schnell gelernt und konnte bald mein täglich Brot selbst verdienen.

Welchen Beruf haben Sie gewählt?

Ich habe den Beruf des Computerprogrammierers gewählt. Ich habe meinen Bachelor beendet und mache jetzt meinen Master.

Arbeiten Sie jetzt n dem Bereich?

Leider nicht. Ich habe keine ständige Arbeit und bin in verschiedenen Jobs tätig. Ich bitte um Entschuldigung, aber ich kann nicht über meine Arbeit sprechen, weil es geheim ist und ich Probleme bekommen könnte.

Sind Sie mit Ihrer Arbeit zufrieden ?

Ja. Mit meiner Arbeit verdiene ich genug Geld zum Leben. In Armenien kann ich meine Arbeit frei ausüben, weil die Leute mir vertrauen. Aber im Iran ist es schwer, sein eigenes Geschäft zu führen, weil man immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht.

Haben Sie Unterschiede zwischen Armenien und Iran bemerkt, seitdem Sie in Armenien leben. Wenn ja, welche?

Ja. In Armenien ist die Ausbildung billiger als im Iran und auch die Lebensbedingungen sind hier besser, man kann frei mit seinen Freunden eine gute Zeit verbringen. Bei meiner Ankunft in Armenien hatte ich lange Haare und einen langen Bart und es war ungewöhnlich für die Menschen hier. Aber heute ist Armenien ein entwickeltes Land und du kannst machen, was du willst natürlich im Rahmen des Gesetzes.

Was würden Sie über Frauenrechte von Frauen in Armenien und im Iran sagen, besonders über Kopftücher?

Natürlich haben die Frauen in Armenien mehr Rechte als im Iran. Aber meiner Meinung nach sollten sich die Frauen im Iran nicht über die Kopftücher beschweren. Es ist halt ein Gesetz des Landes. Und ich glaube, sie haben sich schon daran gewöhnt. Außerdem sind im Iran die Vorschriften für Kopftücher nicht so streng wie in anderen islamischen Ländern, weil die Frau nur die Haare bedecken soll, nicht das ganze Gesicht. Für mich ist auch jede neue Regel schwer zu akzeptieren. Aber wir können nichts anderes machen.

Wir haben gehört, dass sich die Iraner in Armenien nicht so gut benehmen, was denken Sie darüber?

Ich habe auch gehört, dass die Iraner hier schlechte Dinge machen, die sie im Iran nicht machen dürfen und können. Ich selbst schäme mich dafür, denn wenn man in einem Land lebt, soll man dieses Land und sein Volk achten. Leider kann Armenien die Grenzen nicht schließen, weil die Touristen dem Land Geld bringen. Sogar im Fall einer Grenzschließung würden die Iraner dasselbe einfach in einem anderen Land machen. Aber in Armenien sind die Bedingungen sehr günstig.

Wenn Sie eine Möglichkeit hätten, was würden Sie in Armenien oder im Iran ändern?

Das erste, das ich in Armenien machen würde, wäre die Grenze zur Türkei zu öffnen. Das könnte die wirtschaftliche Lage Armeniens verbessern. Das sage ich nicht deshalb, weil ich die Türkei liebe  ­ im Gegenteil, es würde meine Arbeit beeinträchtigen sondern weil es Frieden auf der Welt geben soll. Im Iran würde ich Ausländern die Möglichkeit geben, eigene Geschäfte zu führen. Das würde der Wirtschaft des Irans helfen. Der Iran ist ein reiches Land, aber die Menschen sind nicht so reich, weil es kaum Arbeit gibt.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft? Bleiben Sie in Armenien oder gehen Sie zurück?

Bald werde ich mit meiner Masterarbeit fertig sein und wenn meine Arbeit so weitergeht, bleibe ich vielleicht in Armenien, aber ich bin mir noch nicht sicher. Wenn nicht, dann habe ich den Plan, zu meiner Schwester nach Dänemark zu gehen.

Was würden Sie über die Beziehungen zwischen Armenien und der Türkei sagen?

Ich wünsche mir sehr, dass man für dieses Problem möglichst schnell eine Lösung findet. Das würde beiden Ländern nützen. Für mich hat es keine Bedeutung, ob die Türkei den Völkermord zugibt oder nicht.

Suzanna Galoyan, Aydan Tekin

Unsere Tragikomödie in 40 Jahren

Es war eine besondere Gruppe, die sich jedes Jahr am 16. August traf. Mariam,
Zeynep und Gizem sind damit gemeint. Bevor das diesjährige Treffen stattfand, passierte etwas Unerwartetes. Zeynep hatte Selbstmord begangen. Die Gruppe traf sich jedes Jahr in einem anderen Land. Aber dieses Mal traten Schwierigkeiten auf. Sie wussten nicht mehr, wo sie sich treffen sollten. Kein Platz auf der Welt war im Moment für ein Treffen geeignet. Sie wollten nur zu ihr. Ihr Grab war auf dem siebten Kontinent, in Australien. Genauer gesagt war das Grab am Meer, wo die Sonne und der Mond immer Wache hielten.

Gizem: Du bist ja immer noch dieselbe!

Mariam: Natürlich. Es ist schwierig sich zu verändern, wenn man perfekt ist.

Gizem: Wo du recht hast, hast du recht!

Mariam: Erzähl doch mal, was hast du im letzten Jahr gemacht?

Gizem: Dies und das. Ich bin in Rente gegangen und genieße meine Freizeit. Ich lebe in einer kleinen Stadt, wo sich alle Menschen kennen und ich glaube, dass ich mich selbst verwirklicht habe. Was ist mit dir?

Mariam: Ich habe meinen eigenen Pub eröffnet. Er heißt Vampir Pub. Es gibt spezielle Tage, an denen man in Kostümen kommt. Aber du brauchst ja gar kein Kostüm dafür! (Lacht wie eine Hexe)

Gizem: Jaja. Das sagst ausgerechnet du! Aber ein Pub ich freue mich für dich.

Mariam: Ach und noch etwas! Aydan arbeitet für mich und Zare auch! Aydan ist Kellnerin
und tanzt Abends lateinamerikanische Tänze. Zare ist Geschirrspülerin. Sie ist sehr fleißig.

Gizem: Das hört sich toll an! Hast du gehört? Die Grenze wurde dieses Jahr geöffnet. Endlich!

Mariam: Ja, diese Grenze wurde geöffnet, aber jetzt gehen wir zur einer anderen Grenze. (Langes Schweigen)

Gizem: Du hast recht. Das Grab von Zeynep wurde für uns wie eine Grenze zwischen Leben und Tod.

Sie stehen am Grab und schweigen wieder eine Weile. Es ist bewölkt. Die Tränen, die sie nicht vergießen können, fallen in Form von Regen auf die Erde.

Gizem: 40 Jahre. 40 volle Jahre. Die Zeit hat wirklich Flügel. Erinnerst du dich an unsere erste gemeinsame Begegnung?

Mariam: Ja, ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Ich erinnere mich z. B. daran, wie Wiebke uns immer gezählt hat. Mit unserem Projekt haben wir schon damals die Grenzen geöffnet.

Gizem: Das Leben ist sehr seltsam. Ein Projekt führte zu einer wundervollen Freundschaft.

Mariam: Zeynep war wie eine Schwester für mich. Warum hat sie das sich angetan? Warum hat sie uns das angetan?

Gizem: Ja! Warum hast du das getan, Zeynep?

Sie schauen zum Grab. Zeynep beobachtet die beiden von der 13. Wolke und antwortet.

Zeynep: Eines Tages ging ich schlafen und früh am Morgen fühlte ich, dass mich ein Regenbogen umwickelt hatte. Im Regenbogen sah ich all die Menschen, die ich kennengelernt hatte, all die Länder, all die Religionen. Das Einzige, was ich gelernt hatte, war, dass wir all diese Dinge brauchen, um glücklich zu werden, damit wir in einer Welt leben können, die grenzenlos ist. Aber auf dieser Welt gibt es Menschen, die keines dieser Dinge besitzen. Mit der Beendigung meines Lebens habe ich auf meine Art und Weise für Gerechtigkeit gesorgt.

Gizem und Mariam hören diese Aussage nicht, sie sind in Gedanken vertieft. Genau in diesem Moment fallen zwei große Regentropfen auf die beiden Frauen.

Mariam: Hast du das auch gefühlt?

Gizem: Und wie! Als hätte Zeynep uns von oben angespuckt!

Zeynep, Mariam und Gizem K

2055 – ein wunderschönes Wiedersehen auf dem Mars

Wie die Zukunft wohl wird …

Wir treffen uns auf dem Mars, in Gizem Buses Haus. Sie hat einen großen Garten mit exotischen Pflanzen, Blumen, Bäumen und einen Pool. Wir grillen im Garten, sprechen über die Vergangenheit und erinnern uns an die wunderschönen Tage, die wir vor 40 Jahren auf einer Bloggerreise in Armenien und in der Türkei verbracht haben.

Gizem B.: Hallo Schatzis. Wie war eure Fahrt? Es ist schön, euch wiederzusehen.

Ipek: Hallo Schätzchen, wir hatten eine anstrengende Fahrt. Mein Rücken schmerzt genauso wie bei der Reise aus der Türkei nach Eriwan.

Suzanna: Es ist, als wäre es gestern gewesen. Schön euch wiederzusehen.

Gizem B.: Ich habe auch die anderen von der Gruppe angerufen, damit sie kommen. Heute werden wir eine große Party machen. Könnt ihr immer noch den Tanz, den wir damals an der U-Bahn Haltestelle und im Amigo Pub getanzt haben?

Ipek: Ja, natürlich. Wie könnte man den vergessen? Das war einer der besten Tage.

Suzanna: Ja, wie könnten wir das vergessen? Wir haben doch ein Video.

Gizem B.:  Was möchtet ihr essen? Ich habe den Grill schon vorbereitet. Wir können schonmal in den Garten gehen und etwas essen, bis die anderen kommen.

Ipek: Das klingt gut. Ich bin schon hungrig. Gizem und Suzanna, ihr seht immer noch ganz hübsch aus.

Suzanna: Vielen Dank Ipek, du aber auch. Seit ihr in Armenien wart, kommen viel mehr Besucher aus der Türkei, auch dank deiner Organisation.

Ipek: Dank unserer Generation, wir haben es alle gemeinsam geschafft. Es war nicht leicht, aber wertvoll.

Suzanna: Gott sei Dank haben die Menschen verstanden, dass wir alle eins sind und es sich nicht lohnt, immer miteinander zu streiten.

Gizem B.: Wir haben auch gelernt, auf dem Mars zusammenzuleben. Warum sind die anderen so spät? Ich schätze, Anush kommt wie immer zuletzt.

Alle lachen. Es klingelt.

Ipek: Ah, da sind sie!

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Ipek, Suzanna, Gizem B.

2065

Wie die Zukunft wohl wird …

2065

Eines schönen Tages im Frühling…
Ich sitze auf meinem Stuhl in meinem grünen Garten und gleichzeitig höre ich die Vögel.
Ich beobachte die fröhlichen Kinder, die auf der Straße spielen.
Ich bin ganz ruhig.
Es gibt keine Nachrichten von Kriegen, gestorbenen Menschen, Kindern, die wegen Hungers sterben, oder von geschlossenen Grenzen.
Ich lehne mich zurück und – ganz stolz – genieße ich den Frieden in der Welt.

Başak

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Başak und Siranush

Başak ist 61 und Siranush ist 64 Jahre alt. Başak macht Urlaub mit ihrem Mann am Sevan See.

B-Oh mein Gott, Siranush?!

S-Başak!

B-Was für eine Überraschung, dich hier zu sehen!

S-Ja, ich freue mich auch! Wie geht’s dir? Bist du mit der Familie hier?

B-Ja, mir geht’s gut. Ich mache Urlaub mit meinem Mann. Und du?

S-Ich auch. Wieso hast du mich nicht angerufen und gesagt, dass du in Armenien bist?

B-Ach, ich wollte dich überraschen und dich morgen besuchen kommen.

S-Wollen wir Kaffee trinken und uns ein bisschen unterhalten?

B-Achja, toll! Gute Idee! Ich sage nur kurz meinem Mann Bescheid und komme.

S-Du siehst immer noch jung aus!

B-Ach, du lügst! Wir haben uns alle verändert und sind alt geworden, aber die Seele bleibt immer jung.

S-Ja, das stimmt. Und, gefällt es dir hier?

B-Ja, sehr! Es ist so schön, dass die türkisch-armenische Grenze wieder offen ist und wir oft hierher kommen und Urlaub machen können.

S-Da hast du recht. Letztes Jahr waren wir in Istanbul, um Urlaub zu machen. Dort war es auch schön. Wann wurde denn die Grenze geöffnet? 2015? Ich bin echt alt geworden, ich erinnere mich schon nicht mehr so richtig an die Daten.

B-Nein, 2015 haben wir uns erst kennengelernt im Rahmen der Bloggerreise und die Grenze war damals noch geschlossen und wir hatten so viele Schwierigkeiten beim Reisen. Ich glaube das kam 2016 oder 2017.

S-Stimmt. Ach, das waren tolle Zeiten als wir uns kennengelernt haben. Wir waren noch so jung, obwohl wir auch heute noch schön aussehen. Findest du nicht? (lacht)

B-Auf jedem Fall meine Süße, schön und zufrieden mit dem heutigen Frieden.

Interview mit der indischen Medizinstudentin Srishti Nagpal – eine Frau, die Freiheit liebt

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Srishti Nagpal, eine Medizinstudentin aus Indien, erzählt über ihr Leben in Eriwan, ihre Familie und ihr Studium.

Können Sie uns ein bisschen über Ihre Familie erzählen?

Ich lebe in Indien, in Delhi. Ich habe keine Geschwister. Ich wohne gemeinsam mit meinen Eltern und mit meiner Oma. Mein Vater arbeitet, meine Mutter ist Hausfrau. Ich habe die ganze Aufmerksamkeit meiner Eltern allein für mich.

Wie ist das Leben in Indien?

Im Vergleich zu anderen Familien ist meine Familie modern. Als ich nach Armenien kam und meinen Eltern erzählt habe, dass ich mit einem Mann ausgehe, war das für sie kein Problem. Die meisten Familien in Indien hätten damit ein Problem, weil sie konservativer sind. Meine Familie erlaubt mir fast alles. Ich habe die Freiheit all das zu machen, was mich glücklich macht. Hier in Eriwan kann man einfach nicht darauf verzichten, abends auszugehen. Gott sei Dank vertrauen mir meine Eltern.

Warum haben Sie ausgerechnet Armenien für Ihr Studium gewählt? Was hat Sie hier gereizt?

Das ist eine gute Frage. Eigentlich wollte ich in Deutschland studieren. Ich hatte damals aber nur Sprachniveau A2, was nicht für ein Studium in Deutschland ausreicht. Ich hatte gehört, dass das Studium in Armenien sehr billig ist und zudem eine gute Qualität hat. Außerdem war es sehr leicht, von der Medizinischen Universität Eriwan aufgenommen zu werden.

Wie ist das Leben in Eriwan? Gefällt es Ihnen hier zu leben?

Ich bin seit einem Jahr in Armenien. Die Kulturen der beiden Länder sind ganz unterschiedlich. Die Menschen in Armenien sind sehr gastfreundlich und hilfsbereit. Außerdem fühle ich mich hier sicherer und unabhängiger als in Indien.

Könnten Sie bitte die Unterschiede zwischen diesen zwei Ländern nennen?

Eine komplizierte Frage. Die beiden Länder sind total anders. Die Menschen, die Kultur, die Landschaft. Das Wetter ist wunderbar in Armenien. In Delhi wohne ich in einem sonnigen Stadtteil, wo es immer sehr heiß ist. In Armenien ist es viel grüner und sauberer als in Indien.

Was hat Sie am meisten überrascht, als zum ersten Mal nach Armenien kamen? Zum Beispiel habe ich gehört, dass Männer in Indien rauchende Frauen gar nicht mögen.

(lacht) Für mich war es auch überraschend, dass Frauen in Armenien rauchen und Alkohol trinken dürfen, wo sie möchten. In Indien unvorstellbar. Hoffentlich wird sich diese Situation in Zukunft ändern.

Was waren Ihre erste armenischen Worte?

Բարև Ձեզ „Barev dzez“, Guten Tag. Übrigens war es anfangs sehr anstrengend, weil in meiner Wohngemeinschaft niemand Englisch sprach. Ich habe gedacht: »Oh mein Gott, das ist die einzige Sprache, die ich kenne, und die sprechen hier gar kein Englisch, was soll ich tun?« Danach habe ich herausgefunden, dass die meisten Armenier Englisch sprechen.

Sind Sie religiös?

Ja, ich folge dem Buddhismus, bin aber nicht sehr eng mit der Religion verbunden. In Eriwan haben wir aber keinen buddhistischen Tempel. Ich habe viele Freunde, die in den USA, in Deutschland und in anderen Ländern leben und sehr religiös sind. In Indien werden manche Leute gezwungen, einer Religion zu folgen. Soweit ich weiß, gibt es in Kanada oder den USA hinduistische Tempel, in Armenien hingegen keinen einzigen. Für mich ist das aber kein Problem, da diese Tempel und Statuen nicht so wichtig sind. Am wichtigsten ist, dass du an etwas glaubst.

Könnten Sie uns bitte über Ihr Studium erzählen?

In Eriwan zu studieren, ist eine Ehre für mich. Außerdem ist es sehr hilfreich und nützlich. Nach drei Studienjahren werde ich meine Fachrichtung wählen. Das finde ich super. In Eriwan ist das Studium viel leichter, moderner und praxisbezogener als in Indien. Die Dozenten und Dozentinnen sind professionell und wiederholen immer alles, was wir nicht verstehen.

Was haben Sie in der Zukunft vor?

In sechs Jahren werde ich meinen Bachelor beenden. Dann fahre ich zurück nach Indien und mache meine Approbationsprüfung. Ich habe mir vorgenommen, mein Studium in Deutschland fortzusetzen. Arbeiten möchte ich danach aber nur in Indien oder in Armenien.

Was würden Sie in Armenien ändern?

Die zweite Sprache in Armenien ist Russisch. Es wäre wunderbar, wenn es stattdessen Englisch wäre. Englisch ist international und einfach praktischer.

Was würden Sie in Indien ändern?

Naja, da gäbe es viel zu ändern. Ich fände es gut, wenn sich die Menschen sicherer und freier fühlen könnten. Die Inder machen in Armenien Dinge, die sie in Indien niemals tun könnten. Zum Beispiel habe ich erst in Armenien erfahren, dass man sich mit einem Mann eine Wohnung teilen, spät nach Hause kommen oder sehr viel Alkohol trinken kann. Ich hoffe sehr, dass sich die Situation in Indien in der Zukunft ändern wird, und gebe meine Hoffnung nicht auf.

Taron, Başak, Siranush

Interview mit Aziz Tamoyan, dem Leiter der Ezidischen Union

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Wir haben ein Interview mit Aziz Tamoyan, dem Leiter der ezidischen Union geführt, aber wir waren uns nicht sicher, ob wir dieses Interview veröffentlichen sollten. Auf viele Fragen bekamen wir Antworten, die beileibe nichts mit dem Thema zu tun hatten – manchmal sind diese Wortwechsel aber so schön absurd, dass wir sie Ihnen nicht vorenthalten wollen.

Wir wissen, dass Sie in Armenien sehr bekannt sind. Erzählen Sie uns bitte ein bisschen über sich.

Ich bin seit 1997 Leiter der Ezidischen Nationalen Union für die Eziden der ganzen Welt. Ich bin im Dorf Zovuni geboren, habe dort gelebt und als Lehrer und stellvertretender Direktor an einer Schule gearbeitet. Im Jahre 1972 wurde ich Dorfvorsteher. Zudem habe ich viele Bücher über Eziden geschrieben.
Ich möchte noch hinzufügen, dass die Eziden nicht von den Türken sondern von den Kurden getötet wurden. Meine Eltern haben mir das erzählt. Aber diese Information habe ich nicht nur von meinen Eltern. Es gab auch andere Zeugen, die das erlebt haben.

Warum haben die Kurden die Eziden getötet?

Wegen der Religion. Sie wollten die Eziden zum Islam bekehren. In meinem Buch habe ich darüber ausführlich geschrieben. In dem Buch erkläre ich auch, wer die Eziden sind, woher sie kommen und dass man Eziden und Kurden nicht als ein gleiches Volk ansehen sollte. Sie sind verschiedene Völker.

Haben Sie Beweise dafür?

Ich habe mit Zeugen gesprochen, mit meine Eltern und klugen Menschen. (Er öffnet das besagte Buch und zeigt uns ein Bild eines ezidischen Dorf in der Türkei.)

Das sind die ezidischen Dörfer, die sie verlassen haben, um nach Ostarmenien zu fliehen.

Wie haben Sie sich für die Eziden eingesetzt?

Bist du verheiratet? Hast du Schwestern? Wo sind deine Mutter und dein Vater? Wo
leben sie? Und wo arbeitest du?

Welche Unterschiede gibt es zwischen den Eziden und Kurden?

Die Eziden und Kurden haben verschiedene Wurzeln. Wir sind ethnisch und religiös sehr verschieden. Unser Alltag unterscheidet sich ebenso wie die Geschichte der beiden Völker.

Können Sie konkrete Beispiele geben?

Unsere nationale Feiertage sind verschieden und unsere Sprachen unterscheiden sich. Wir können einander nicht verstehen. Die Eziden haben eine 5000-jährige, die Kurden nur eine 1000-jährige Geschichte. Die Kurden sind in armenischen Gebirgsketten geboren. Sie haben in Kurduren gelebt und deshalb nennt man sie Kurden. Kurd bedeutet Hirte. Wir Eziden kamen hingegen aus Indien. Die Kurden sind in Armenien geboren und sie haben die Eziden, die Armenier, die Assyrer und die Juden zu Kurden gemacht. Mit Gewalt haben sie ihr Volk aufgebaut. Die Eziden sind in drei Kasten aufgeteilt. Das sind die Scheiche, die Pire und die Muridun. Ich habe euch das Buch gegeben, den Rest könnt ihr nachlesen.

 Können Sie uns über die Feste der Kurden und Eziden erzählen?

Wir haben ein Fest für den Urvater der Eziden. Dieses Fest beginnt am ersten Dienstag nach dem 13. Dezember. Und im Februar haben wir noch ein anderes Fest, das Khdrlavi heißt.

Können Sie uns über ihre Tradition erzählen und besonders über ihr Heiligtum, das aus Matratzen besteht?

Die Matratzen sind unser Heiligtum und sie bestehen aus der Wolle von besonderen Schafen.

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Werden die Matratzen auch für andere Zwecke benutzt?

Früher wurden sie auch für andere Zwecke benutzt, zum Beispiel wenn man viele Gäste hatte. Aber jetzt werden Sie nicht mehr benutzt.

Was sind die Besonderheiten Ihrer Hochzeiten?

Ein interessanter Brauch ist, den Kopf der Braut mit einem Tuch zu bedecken und dann wirft der Bräutigam mit einem roten Apfel auf den Kopf der Frau.

Was symbolisieren die roten Äpfel?

Die roten Äpfel symbolisieren die Kinder. Sie sollen stark und schön wie die Äpfel werden.

Ich habe gehört, dass sich Braut und Bräutigam vor der Hochzeit nicht sehen dürfen. Haben Sie diese Tradition beibehalten?

Ja, das ist richtig. Sie durften sich nicht sehen. Aber heute ist es ein bisschen anders. Sie lernen sich kennen und heiraten dann.

Haben Sie in Ihrem Dorf noch immer die gleichen Traditionen?

Unsere Traditionen sind zu 99% gleich geblieben. Aber da wir mit Armeniern zusammenleben, führt es dazu, dass manche Traditionen verloren gegangen sind.
Zum Beispiel sollten Frauen und Männer nicht am gleichen Tisch sitzen und essen. Sie sollten sich in verschiedenen Zimmer aufhalten, auch bei Hochzeiten. Es gibt Personen, die zum Christentum konvertieren.

15-08-Interview-Aziz-3Was bedeutet der Pfau?

Der Pfau symbolisiert das Volk von Melek Taus (Gottes Engel).

Haben alle Eziden eine Pfauen-Statue als Symbol zu Hause?

Nein, es gibt nur eine und die befindet sich in meinem Haus.

Rechts vor der Wand liegen viele Matratzen und Kissen übereinander. Davor steht eine Pfauen-Statue auf einem silberfarbenen Stab. Außerdem sind Pfauen an die Wand gemalt.


Was bedetet Sherfe
din?

Die Armenier sind Christen. Die Eziden sind Sherfedine. Das ist unsere Religion.
ie das Christentum für die Armenier. Es ist auch ein Heiligtum für uns. Seit frühen Zeiten gilt Sherfedin als heiliger Mann. Was Jesus für die Christen ist, ist Sherfedin für uns. Auf Armenisch heißt es Sherfedin, auf Ezidisch Sherfedin und auch auf Englisch sagt man Sherfedin.

15-08-Interview-Aziz-1Was ist für Sie das wichtigste, das Sie erreicht haben?

In der Sowjetunion galten die Eziden als ein einziges Volk. Das habe ich geschafft. Dank mir werden wir nicht als Kurden bezeichnet. Hier in Armenien akzeptiert man uns als eine eigene ethnische Gruppe. Am 1. Mai 2002 wurde unsere Sprache von Armenien anerkannt. Aus diesem Grund haben auch die Europäische Union, die Europäische Kommission und die Vereinten Nationen die Sprache anerkannt.

Wie sind Sie zu der Idee gekommen, Leiter der Ezidischen Union zu werden?

Es gab keine Bücher über die Eziden. Alles wurde mündlich übermittelt. Damals durfte man nicht schreiben, das war verboten. Aber ich habe das Gesetz überwunden und über die Eziden geschrieben. Die Religion erlaubte weder Lesen noch Schreiben. Es galt als Sünde. Aber man muss die ezidische Geschichte weitergeben. Ich habe Schulbücher geschrieben und so erfuhren die Kinder über diese Religion. Der Staat hat diese Bücher vervielfacht.

Ihre Tat widerspricht der Religion. Wurden Sie nicht bestraft?

Nein, ich wurde nicht bestraft. Die Zeiten haben sich verändert. Jeder hat gesehen, dass ich Recht habe.

Wie stellen Sie sich die Zukunft Ihrer Enkel vor? Ist es erlaubt, dass Armenier Eziden heiraten?

Meine Enkel sollen erst einmal erwachsen werden, heiraten und eine richtige ezidisch-traditionelle Familie gründen. Die Heirat zwischen Armeniern und Eziden ist verboten, aber heute schließen die Jugendlichen heimlich Freundschaften. Man wird als Ezide geboren, man kann es nicht werden. Eziden dürfen nur Eziden heiraten.

Haben Sie jemals von mir gehört?

Gestern hatten wir ein Seminar und wir haben Sie im Video gesehen. 

Mit diesem Worten verabschieden wir uns und lassen einen letzten Blick schweifen: Wir sehen rechts einen Tisch mit vierzehn Stühlen und eine Stereoanlage auf einer Kommode. Auf der linken Seite stehen wie in einem Wohn- und Schlafzimmer eine Couch, zwei Sessel, ein Bett, ein Kleiderschrank und ein kleiner Tisch.

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