Kategorie-Archiv: Nachbarn

Mein alter Nachbar

Ich habe viele Nachbarn gehabt. Einmal kam ich nach Hause und meine Mutter sagte mir, dass wir neue Nachbarn bekommen würden. Ich dachte, dass ich neue Freunde haben würde, aber dann erfuhr ich, dass es nur eine Person war, ein alter Mann, vielleicht 70 Jahre alt. Als er kam, waren die anderen Nachbarn erstaunt. Er war sehr gut angezogen und auch gepflegt, aber er hatte ein strenges Gesicht, das von Trauer und Gleichgültigkeit gezeichnet war. Ich hatte Angst vor seinem Aussehen und versuchte immer, ihn zu vermeiden.                                                                                                                                                                            Es vergingen Tage, dann Wochen, und niemand wollte etwas mit ihm zu tun haben. Aber eines Tages traf ich ihn vor dem Hauseingang und sah Tränen auf seinem Gesicht. Ich konnte nicht an ihm vorübergehen, also sprach ich ihn zum allerersten Mal an. Ich fragte ihn, warum er weine, und er begann, mir seine traurige Geschichte zu erzählen. Er hatte drei Söhne und eine Tochter. Sie alle waren verheiratet, seine Frau war gestorben. In jungen Jahren hatte er als Professor an der Universität gearbeitet und später auch in einer Firma, aber inzwischen hatte er seine Arbeit verloren und war in die Rente gegangen. Seine Kinder wollten nicht mit ihm zusammenleben. Außer seiner Tochter besuchte ihn niemand. Und nun weinte er, weil ihm seine Tochter gesagt hatte, sie könne ihn nicht mehr besuchen, ihr Mann erlaube das nicht. Ich beruhigte ihn und riet ihm, außer sich an niemanden mehr zu denken. Ich sagte, dass von an ich seine Enkelin sein würde und dass ich für meinen neuen Großvater sorgen wollte. Nach diesem Tag trafen wir uns öfter. Er war kluger Mann und ich habe viel von ihm gelernt. Ich habe den anderen Nachbarn seine Geschichte erzählt, und so begannen auch sie, mehr mit ihm zu reden. Einige Monate später besuchte ihn sein Sohn – weil er Geld brauchte. Deshalb hatte er sich an seinen alten Vater erinnert. Doch der Vater schickte ihn weg, und sagte, er habe außer in dieser Straße keine Familie mehr. Seine neue Familie seien die Nachbarn. Mit 75 Jahren starb mein alter Nachbar, denn er hatte aus Kummer viel zu viel geraucht.

Unser Nachbar

Es war Frühling und das Wetter war sehr schön. Die Blumen blühten, die Bäumen blühten und das Gras war schon grün. Jeden Frühling spielte ich mit meinen Freunden im Hof. Ich hatte eine Freundin und ein Freund, die noch klein waren, aber trotzdem schon ineinander verliebt. Die Jahre kamen und gingen, und es kam eine Zeit, da die beiden schließlich nicht zusammen sein konnten, weil ihre Familien dagegen waren. An einem schönen, sonnigen Tag hörte ich, dass zwei Tage später meine Freundin heiraten würde. Das war für mich eine Überraschung. Zwei Tage vergingen, dann war die Hochzeit. Ich werde diesen Tag nie vergessen, denn an diesem Tag erfuhr ich, dass mein Freund, mit dem ich in der Kindheit immer gespielt hatte, gestorben war. Alle sagten, er habe Selbstmord begangen – aber nein, das nennt man „Schicksal“ …

Meine neugierige Nachbarin

Kann sich jemand daran erinnern, welche Gefühle man hatte, als man seinen Nachbarn zum ersten Mal gesehen hat? Ich glaube, das kann man nur mit großen Schwierigkeiten oder gar nicht. Ich selbst weiß nur noch, dass ich vor zwölf Jahren ganz enttäuscht war, als ich aus meiner Heimatstadt Meghri in das märchenhafte Jerewan umzog.

Neue Umgebung, neue Häuser und Gesichter, neue Probleme.

Alles war hier ganz anders, sogar die Leute. Das Erste, was mir auffiel, war unsere neugierige Nachbarin. Ja, ganz genau! Sie war neugierig, streitsüchtig und neidisch. Und das Schlimmste: Wenn man eines Tages – früh am Morgen – durch Zufall dieser Frau begegnete, ging alles schief. Und wenn man am Abend zum Geschäft musste, brauchte man keine Angst vor der Dunkelheit zu haben, denn ihr Blick würde einen immer verfolgen. Oh, mein Gott! Sie wusste genau, wie viel Geld mein Vater verdiente, um welche Uhrzeit ich ins Bett ging, was ich aß oder trank. Nur eines wusste sie nicht: Wann würde meine Schwester endlich heiraten? Deswegen hat sie immer danach gefragt: morgens, mittags, zum Abendbrot.

Aber! Eines Tages zeigte sie mir ihr wahres, ganz anderes Gesicht.

An diesem Tag kam ich nach Hause, hatte keinen Schlüssel und niemand war da. Ich rief meine Mutter an: erfolglos. Ich war müde, ich hatte viele Hausaufgaben, Hunger, also alles, außer dem, was ich brauchte. Ich saß im Treppenhaus und war in Gedanken versunken, als unsere neugierige Nachbarin die Tür öffnete und erfuhr, was los war. Sie bat mich sofort herein, und weil es draußen kalt war, folgte ich ihrer Einladung. Überraschenderweise war die Nachbarin dann aber sehr freundlich zu mir. Sie bot mir warmen Tee und leckeren Kuchen an, sie fragte, wie es in der Schule gewesen sei, stellte mir sonst aber keine aufdringlichen Fragen. Die Zeit mit ihr verging schnell und eigentlich war es sehr schön.

Wir aßen und tranken, erzählten und sahen fern. Ich erinnere mich gut, wie überrascht ich war.

Als meine Mutter mich schließlich abholte, schwirrte mir nur ein Gedanke durch den Kopf: ‚Unter Neugier versteckt sich ein gutes Herz.‘

Das Problem ist, dass Enttäuschung und märchenhaft gewissermaßen Gegenteile sind.

Erste Vergeltung

Als ich ein Kind war, hatte ich einen Nachbarn, der an meiner Grundschule arbeitete. Er war keine nette Person und er beschimpfte immer alle. Man kann sagen, dass er auch grausam war. Ich dachte, er muss bestraft werden. Wir fuhren mit demselben Schulbus, deswegen konnte ich etwas machen: Ich habe unseren Fahrer angelogen, dass mein Nachbar heute nicht kommt. Weil er immer zu spät kam, habe ich das regelmäßig gemacht. Er und seine Familie haben es später herausgefunden, aber das gefällt mir.

 

 

Meine Nachbarin

Ich habe viele Nachbarn. Sie sind sehr freundlich. Jeder hat seine eigene Rolle in meinem Leben. Aber ich habe eine Nachbarin gehabt, die für mich sehr eindrucksvoll war. Sie hat sich in  meine Erinnerung eingeprägt.  Immer wieder erinnere ich mich an sie. Aber leider ist es keine fröhliche Erinnerung. Sie ist tot. Diese traurige Geschichte ereignete sich, als ich fünf Jahre alt war. Die besagte Nachbarin war die Oma meiner Freundin. Im Haus meiner Freundin waren nur ich, meine Freundin und ihre Oma. Wir haben gespielt und es war toll, bis …Wir waren Kinder, wir waren noch sehr klein. Die Oma meiner Freundin schrie und wir rannten sofort zu ihr. Die Oma lag am Boden, sie war bewegungs- und bewusstlos. Zuerst begriffen wir nicht. Wir versuchten, etwas zu tun, ihr zu helfen. Aber sie war schon kalt wie Stein. Wir haben geschrien und geweint, aber vergeblich, wir konnten nichts mehr ändern, wir konnten nur noch weinen und immer noch mehr weinen.

Jetzt will ich nur eines sagen: Ich habe Angst. Aber nicht vor dieser Situation, sondern davor, meine Bekannten, Verwandten und Freunde zu verlieren. An diesen Tag habe ich verstanden, dass das Leben begrenzt ist. Und ich erinnere mich gerade an diese Nachbarin, weil sie mir etwas Wichtiges klar gemacht hat. Ich habe noch als Kind begriffen, was für ein Wunder das Leben für mich ist. Ich danke ihr.

 

Das Zerwürfnis

Meine erste Erinnerung an meine Nachbarn ist nicht so positiv. Ich war damals sieben Jahre alt. Wir waren gut befreundet mit unseren Nachbarn. Eines Tages gaben uns unsere Nachbarn ihren Wohnungsschlüssel. Sie wollten, dass wir ihn drei Tage lang behalten, denn sie fuhren in den Urlaub. Weil wir wie eine große Familie waren, war es kein Problem, den Schlüssel für sie aufzubewahren. Nach drei Tagen, als sie wieder nach Hause kamen, war ihr Haus leer. Alle ihre Möbel waren verschwunden. Sie behaupteten, dass meine Mutter ihre Habseligkeiten gestohlen hätte. Ich erinnere mich nicht mehr an die Einzelheiten, aber ich bin sicher, dass sie sehr wütend auf meine Mutter waren.

Nach einer Weile haben wir erfahren, dass es kein Diebstahl war. Ihr Eigentum war von der Regierung beschlagnahmt worden. Unsere Nachbarn entschuldigten sich später bei meiner Mutter, aber seitdem haben wir nie mehr einen Schlüssel von ihnen erhalten.

Der Einbrecher

Es war ein heißer Sommerabend. Während meine Mutter und ich in meinem Schlafzimmer ein Buch lasen, ruhten sich mein Vater und mein Bruder in unserem dunklen Wohnzimmer aus. Mein Bruder war als dreijähriges Kind ein bisschen ungezogen. An diesem Abend spielte er im Wohnzimmer mit einer Fackel. Als unsere Nachbarn die Fackel sahen, glaubten sie, es sei ein Einbrecher. Aber war der Einbrecher ein Zwerg oder kroch er? Sie riefen die Polizei, während sie draußen mit einer Axt warteten. Meine Mutter und ich haben weitergelesen, ohne zu wissen, was draußen los war. Als es klingelte und die Polizei vor der Tür stand, erschraken wir. Da kam mein Bruder mit der Fackel zur Tür, und sofort war uns alles klar.

Dieses Mal war der Einbrecher mein Bruder und es war nichts Schlimmes passiert, aber unsere Nachbarn hatten gut aufgepasst. In Zukunft blieben alle Einbrecher weg. Unsere Nachbarn sind die Besten.

Unsere Siedlung

Ich wurde in der Nähe von Sivas geboren und wir lebten dort, bis ich zwei Jahre alt war. Unsere Wohnsiedlung gehörte einem staatlichen Energieunternehmen und sie war weit weg vom nächsten Dorf. Deswegen gab es nur ein kleines Geschäft zum Einkaufen, ein kleines Ärztezentrum und ein Restaurant. Weil die Wohnsiedlung so isoliert war, brauchten die Menschen einander, um einzukaufen, zu reden und spazieren zu gehen.
Alle Wohnungen waren Einfamilienhäuser, und weil die Siedlung sehr weit von der Stadt entfernt war und selten Fremde zu uns kamen, machten meine Eltern sich keine Sorgen, wenn ich alleine draußen war. Meine Eltern haben mir erzählt, dass ich als Baby oft von unserem Haus zu unserem Nachbarhaus krabbelte. Ich blieb eine Weile dort und dann krabbelte ich wieder zurück. Die Nachbarn waren immer sehr freundlich zu mir.

Ayşe und Saliha

Als ich klein war, hatte meine Tante eine Nachbarin, die Ayşe hieß. Ayşe hatte eine Tochter, Saliha, die ein Jahr älter war als ich. Saliha und ich spielten oft zusammen. Ich mochte sie, und ich mochte ihr Spielzeug. Sie besaß ein Puppenhaus, Barbies und viel Spielzeug mit Aufziehmechanismus. Meine Familie konnte sich dieses Spielzeug nicht leisten. Manchmal war Saliha eifersüchtig, weil ich mit ihrem Spielzeug spielte. Aber Tante Ayşe schimpfte sie aus und sorgte dafür, dass sie ihr Spielzeug mit mir teilte. Im Großen und Ganzen waren beide sehr großzügig. Meine Tante, meine Cousinen und Tante Ayşe trafen sich oft. Sie tranken Kaffee und unterhielten sich.
Tante Ayşe war unglücklich mit ihrem Mann, aber ich weiß nicht, was ihr Problem war. Wir haben diesen Mann nicht sehr oft gesehen. Vielleicht war das das Problem. Ayşes Familie und meine Tante waren Nachbarn für sechs Jahre, bis ich neun Jahre alt war. Danach sind sie ausgezogen. Ein paar Monate später ist meine Tante auch ausgezogen. Wir haben den Kontakt mit Ayşe und Saliha verloren.
Jahre später sind meine Tante und meine Cousinen Ayşe in einem Café begegnet. Sie haben erfahren, dass Ayşe sich von ihrem Mann scheiden gelassen hat und Saliha einen Hochschulabschluss in Psychologie gemacht hat. Ich bin sehr glücklich, weil wir uns jetzt alle wieder treffen können.

Eine Geschichte über meine Nachbarn

Es gibt einen bekannten armenischen Spruch: „Gute Nachbarn sind besser als gute Verwandte.“ Dem stimme ich zu. „Warum?“, werdet ihr mich fragen. Ganz einfach: Wenn ich etwas dringend brauche, dann ist es der Nachbar, der gleich da ist und mir helfen kann – und nicht der Verwandte.

Als ich klein war, wohnte meine Familie ganz allein in einem Haus. Weil dieses Haus von den anderen Häusern weit entfernt war, hatte ich zu unseren Nachbarn keinen engen Kontakt. Als ich zwölf Jahre alt war, zogen wir in eine neue Wohnung in einem großen Gebäude in meiner Heimatstadt Artik. Dort hatte ich viele Nachbarn, aber leider waren unsere Nachbarn und ich nicht gleich alt. Das machte den Kontakt oft schwierig. Aber in meine Erinnerung hat sich eine alte Frau eingeprägt, die sehr gutherzig war. Immer, wenn ich die Wohnung verließ, hielt sie mich an der Tür auf und begann, oft interessante, aber manchmal auch langweilige Gespräche zu führen. Natürlich war ein großes Vergnügen, mit einer klugen Frau in Kontakt zu treten, aber wenn ich eine Verabredung hatte und ich mich deshalb verspätete, so war diese Frau an der Tür ein Fluch. Trotzdem beschuldigte ich sie nie, denn sie war eine alte Frau, allein, und natürlich hatte sie Sehnsucht nach Gesprächen. Sie redete ja nicht einfach nur mit mir, sie gab mir oft auch gute Ratschläge. Meinen übrigen Nachbarn dagegen stehe ich nicht sonderlich nahe, da ich fast das ganze Jahr über nicht in meiner Heimatstadt bin. Trotzdem denke ich, dass man gute Beziehungen zu seinen Nachbarn bewahren sollte, denn auf seltsame Weise werden sie Teil unseres Privatlebens. Sie wissen über uns viel mehr als wir selbst. Und in schwierigen Situationen werden sie uns sicher nicht im Stich lassen.