Der Völkermord an den Armeniern: Die vergessene Katastrophe des 20. Jahrhunderts

Gastbeitrag von Ferdinand Martin und Federico Steffan, verfasst im Rahmen des Geschichtsunterrichts am Freiburger Rotteck-Gymnasium

Aufgrund des 100. Gedenktags des Völkermords an den Armeniern am 24. April 2015 wurden wir erstmals auf dieses Thema aufmerksam und entschieden uns, einen Artikel über den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts zu schreiben. In unserem Artikel beantworten wir unsere Leitfrage, ob die deutsche Außenpolitik den Völkermord hätte verhindern können.

Historischer Kontext

Anfang des 20. Jahrhunderts bestanden verschiedene internationale Bündnisse in Europa: Die Triple Entente auf der einen und der Zweibund auf der anderen Seite. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. wollte für Deutschland einen “Platz an der Sonne“ und prägte damit die deutsche Außenpolitik. Für das Kaiserreich und seinen Kaiser war der Wettstreit um die Kolonien essentiell und notwendig, um Deutschlands Platz zu erreichen. Die Türkei und das angrenzende Armenien bildeten zusammen mit zahlreichen anderen Provinzen in Europa, Asien und Afrika das Osmanische Reich.

Deutschland und das Osmanische Reich: Ein Geben und Nehmen

Das Osmanische Reich hatte eine globalstrategisch wichtige Position, da es eine geografische Brücke von Europa zu Asien darstellte und eine schnelle Möglichkeit, nach Nordafrika zu gelangen, bot. Das war auch Kaiser Wilhelm II. bewusst. Aus diesem Grund hegte er gute Beziehungen zum Osmanischen Reich und war stets um deren Verbesserung bemüht.

Deutschland wollte sich das Osmanische Reich als Verbündeten sichern und im Bestfall im Kampf um die Kolonien von ihm unterstützt werden. Am 2. August 1914 wurde ein Bündnisvertrag der beiden Parteien unterschrieben, der sie im Kriegsfall zu Verbündeten machte. Durch seine geschwächte Position war das Osmanische Reich auf die Hilfe und Modernisierung Deutschlands angewiesen.

Das Interesse des wenig industrialisierten Osmanischen Reiches war es, seine eigene Position im Balkan zu stärken, die durch die Balkankrise 1878 geschwächt wurde, bei der das Reich einige Gebiete einbüßen musste. Deutschland unterstützte das Osmanische Reich diesbezüglich mit Modernisierung und Ingenieurstechnik, wie zum Beispiel der Bagdadbahn, die eine Zugstrecke von Istanbul nach Bagdad beschreibt und eine Weiterführung der vorhandenen Bahnstrecke Berlin – Istanbul ist. Diese Unterstützungen förderten eine wirtschaftliche Kooperation zwischen den beiden Großmächten und schufen Absatzmärkte beiderseits.

Ursachen des Konfliktes zwischen Armeniern und den Osmanen

Das Osmanische Reich war schon immer ein multiethnisches Reich gewesen, was den interkontinentalen Gebieten geschuldet war. Dennoch waren die nicht-muslimischen Bevölkerungsgruppen, wie zum Beispiel die christlich-orthodoxen Armenier, im Vergleich zu den muslimischen und zahlenmäßig überlegenen Türken unterprivilegiert. Bemerkbar machte sich das beispielsweise durch die doppelte Steuerlast, die die Armenier zu zahlen hatten. Sie waren den Muslimen nicht gleichgestellt, aber dennoch akzeptiert.

Internationale Spannungen

Im Artikel 61 des Berliner Vertrages, der 1878 unterzeichnet wurde und ein Abkommen zwischen den europäischen Großmächten und dem Osmanischen Reich bzw. dessen Sultan war, wurde den Armeniern Schutz vor kurdischen Übergriffen garantiert.

Das christlich geprägte Russland verstand sich als Schutzpatron der Armenier. Durch die aber nur halbherzige Umsetzung der Vereinbarung des Sultans entstand ein Spannungsverhältnis zwischen der Türkei und Russland, da die Armenier weiterhin mit gewalttätigen Übergriffen zu kämpfen hatten. Diese Spannungen entluden sich im Türkisch-Russischen Krieg im Jahre 1877/1878.

Bürgerkrieg

Durch die schlechte Situation, in der sich die Armenier befanden, wuchs ihr Nationalbewusstsein und das Streben nach Unabhängigkeit, mit der sie ihre Hoffnung auf eine bessere Situation verbanden. Da dieses Streben ignoriert wurde, bildeten sich radikale Gruppierungen wie zum Beispiel die Daschnak-Partei, die einen Terroranschlag auf osmanische Beamte durchführte.

Als Racheakt legitimierte der Sultan 1891 seine Kavallerie, deren offizielle Aufgabe es war, das Grenzgebiet von Russland und dem Osmanischen Reich zu schützen, mit dem Recht auf Plünderung der armenischen Gebiete. In den folgenden Jahren, besonders in den Jahren 1894 – 1896, kam es zu zahlreichen Massakern, Anschlägen und Toten auf beiden Seiten. Dabei starben ca. 80.000 – 300.000 Menschen und die allgemeine Lage, insbesondere die der Armenier, verschlechterte sich drastisch. Obdachlosigkeit und Hungersnöte wurden zum Alltag. Als Strafe wurde die Bewegungs- bzw. Reisefreiheit der Armenier stark eingeschränkt.

Politischer Umschwung

Ende Januar 1913 gelangten die ‚Jungtürken‘, eine oppositionelle politische Bewegung, durch einen Putsch an die Macht. Diese warben damit, dem Osmanischen Reich wieder zu alter Stärke zu verhelfen. Dies wollten sie durch Modernisierung in Politik, Militär und Wirtschaft erreichen. Ihr Ziel war es, ein rassisches Großreich zu etablieren. In diesem Großreich war für Minderheiten, wie zum Beispiel christliche Armenier, kein Platz vorgesehen.

Eskalation/Deportation

Am 14. November 1914 trat das Osmanische Reich den Mittelmächten im I. Weltkrieg bei.
Der gemeinsame Feind Russland wurde vom Osmanischen Reich in einer Großoffensive im Kaukasus angegriffen (Kaukasus-Krieg). Der Gegenangriff der Russen wurde von den Armeniern unterstützt, da sie im Krieg und den Veränderungen, die er mit sich bringen könnte, ihre Chance auf Unabhängigkeit und Autonomie sahen. Das Komitee “Einheit und Fortschritt“ der Jungtürken deklarierte die Armenier daraufhin zum Feindbild des rassischen Großreiches und begann mit großflächiger Entwaffnung und allmählicher Deportation der Armenier. Die Türken nannten es eine Umsiedlung als Maßregelung für das Fehlverhalten im Kaukasus-Krieg. Die Deportationen fanden unter katastrophalen Bedingungen und menschenunwürdigen Verhältnissen statt. Die Armenier wurden massenhaft in Güterzüge gezwängt, an Knotenpunkten im Reich gesammelt und daraufhin auf Märschen in die Syrische Wüsten geführt. Ziel war die kollektive Tötung der Armenier. Aus diesem Grund werden die Märsche auch als “Todesmärsche“ bezeichnet.

Hätte Deutschland den Genozid verhindern können?

Der damalige deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg sagte über die Beziehung zur Türkei 1915:

„Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darob Armenier zugrunde gehen oder nicht.“

Dieses Zitat belegt, dass Deutschland ein egoistisches Handeln an den Tag legte. Deutschland nutzte das Osmanische Reich und seine geographische Funktion aus, um seinen “Platz an der Sonne“ zu erreichen. Innenpolitische Angelegenheiten und die damit verbundenen Probleme ihres Verbündeten wollte Deutschland nicht sehen. Auf der anderen Seite hatte Deutschland die Druckmittel, wie zum Beispiel Geld und technisches Wissen, auf das besonders die Jungtürken angewiesen waren. Deutschland hatte damit das Osmanische Reich in der Hand und hätte den Genozid, durch Einschränkungen und Verträge, weitgehend verhindern können. Die Deutschen waren politisch und militärisch aber auf Kooperation mit dem Osmanischen Reich angewiesen und scheuten somit nachvollziehbar jedes Risiko, ihren Brückenverbündeten zu maßregeln und somit zu verlieren.

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