Interview mit der indischen Medizinstudentin Srishti Nagpal – eine Frau, die Freiheit liebt

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Srishti Nagpal, eine Medizinstudentin aus Indien, erzählt über ihr Leben in Eriwan, ihre Familie und ihr Studium.

Können Sie uns ein bisschen über Ihre Familie erzählen?

Ich lebe in Indien, in Delhi. Ich habe keine Geschwister. Ich wohne gemeinsam mit meinen Eltern und mit meiner Oma. Mein Vater arbeitet, meine Mutter ist Hausfrau. Ich habe die ganze Aufmerksamkeit meiner Eltern allein für mich.

Wie ist das Leben in Indien?

Im Vergleich zu anderen Familien ist meine Familie modern. Als ich nach Armenien kam und meinen Eltern erzählt habe, dass ich mit einem Mann ausgehe, war das für sie kein Problem. Die meisten Familien in Indien hätten damit ein Problem, weil sie konservativer sind. Meine Familie erlaubt mir fast alles. Ich habe die Freiheit all das zu machen, was mich glücklich macht. Hier in Eriwan kann man einfach nicht darauf verzichten, abends auszugehen. Gott sei Dank vertrauen mir meine Eltern.

Warum haben Sie ausgerechnet Armenien für Ihr Studium gewählt? Was hat Sie hier gereizt?

Das ist eine gute Frage. Eigentlich wollte ich in Deutschland studieren. Ich hatte damals aber nur Sprachniveau A2, was nicht für ein Studium in Deutschland ausreicht. Ich hatte gehört, dass das Studium in Armenien sehr billig ist und zudem eine gute Qualität hat. Außerdem war es sehr leicht, von der Medizinischen Universität Eriwan aufgenommen zu werden.

Wie ist das Leben in Eriwan? Gefällt es Ihnen hier zu leben?

Ich bin seit einem Jahr in Armenien. Die Kulturen der beiden Länder sind ganz unterschiedlich. Die Menschen in Armenien sind sehr gastfreundlich und hilfsbereit. Außerdem fühle ich mich hier sicherer und unabhängiger als in Indien.

Könnten Sie bitte die Unterschiede zwischen diesen zwei Ländern nennen?

Eine komplizierte Frage. Die beiden Länder sind total anders. Die Menschen, die Kultur, die Landschaft. Das Wetter ist wunderbar in Armenien. In Delhi wohne ich in einem sonnigen Stadtteil, wo es immer sehr heiß ist. In Armenien ist es viel grüner und sauberer als in Indien.

Was hat Sie am meisten überrascht, als zum ersten Mal nach Armenien kamen? Zum Beispiel habe ich gehört, dass Männer in Indien rauchende Frauen gar nicht mögen.

(lacht) Für mich war es auch überraschend, dass Frauen in Armenien rauchen und Alkohol trinken dürfen, wo sie möchten. In Indien unvorstellbar. Hoffentlich wird sich diese Situation in Zukunft ändern.

Was waren Ihre erste armenischen Worte?

Բարև Ձեզ „Barev dzez“, Guten Tag. Übrigens war es anfangs sehr anstrengend, weil in meiner Wohngemeinschaft niemand Englisch sprach. Ich habe gedacht: »Oh mein Gott, das ist die einzige Sprache, die ich kenne, und die sprechen hier gar kein Englisch, was soll ich tun?« Danach habe ich herausgefunden, dass die meisten Armenier Englisch sprechen.

Sind Sie religiös?

Ja, ich folge dem Buddhismus, bin aber nicht sehr eng mit der Religion verbunden. In Eriwan haben wir aber keinen buddhistischen Tempel. Ich habe viele Freunde, die in den USA, in Deutschland und in anderen Ländern leben und sehr religiös sind. In Indien werden manche Leute gezwungen, einer Religion zu folgen. Soweit ich weiß, gibt es in Kanada oder den USA hinduistische Tempel, in Armenien hingegen keinen einzigen. Für mich ist das aber kein Problem, da diese Tempel und Statuen nicht so wichtig sind. Am wichtigsten ist, dass du an etwas glaubst.

Könnten Sie uns bitte über Ihr Studium erzählen?

In Eriwan zu studieren, ist eine Ehre für mich. Außerdem ist es sehr hilfreich und nützlich. Nach drei Studienjahren werde ich meine Fachrichtung wählen. Das finde ich super. In Eriwan ist das Studium viel leichter, moderner und praxisbezogener als in Indien. Die Dozenten und Dozentinnen sind professionell und wiederholen immer alles, was wir nicht verstehen.

Was haben Sie in der Zukunft vor?

In sechs Jahren werde ich meinen Bachelor beenden. Dann fahre ich zurück nach Indien und mache meine Approbationsprüfung. Ich habe mir vorgenommen, mein Studium in Deutschland fortzusetzen. Arbeiten möchte ich danach aber nur in Indien oder in Armenien.

Was würden Sie in Armenien ändern?

Die zweite Sprache in Armenien ist Russisch. Es wäre wunderbar, wenn es stattdessen Englisch wäre. Englisch ist international und einfach praktischer.

Was würden Sie in Indien ändern?

Naja, da gäbe es viel zu ändern. Ich fände es gut, wenn sich die Menschen sicherer und freier fühlen könnten. Die Inder machen in Armenien Dinge, die sie in Indien niemals tun könnten. Zum Beispiel habe ich erst in Armenien erfahren, dass man sich mit einem Mann eine Wohnung teilen, spät nach Hause kommen oder sehr viel Alkohol trinken kann. Ich hoffe sehr, dass sich die Situation in Indien in der Zukunft ändern wird, und gebe meine Hoffnung nicht auf.

Taron, Başak, Siranush

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