Interview mit dem Eziden Hamlet Smoyan

Hamlet Smoyan ist 22 Jahre alt und Ezide, wir haben mit ihm ein Interview geführt.

Was verstehen Sie unter dem Begriff „ethnische Minderheit“?

Eine Gruppe, die eine andere ethnische Herkunft, Religion und Sprache hat als der Großteil einer Gesellschaft, ist eine Minderheit.

Zu welcher ethnischen Minderheit gehören Sie?

Ich bin Ezide.

Was ist der Unterschied zwischen Eziden und Kurden?

Manche ezidische Kurden, meistens die, die in der Türkei wohnen, sind muslimisch geworden. Die Religion der Eziden erlaubt es nicht, dass Menschen mit anderem Glauben zum Ezidentum konvertieren. Wenn nur ein Elternteil kein Ezide ist, zählt das Kind nicht als Ezide, egal ob die Mutter oder der Vater der Religion angehört.

Was sind die Herausforderungen für die Eziden in Armenien?

Auf den ersten Blick scheint es keine Herausforderungen zu geben. Aber bei näherer Betrachtung der Gemeinde sieht man, dass sich die Mitglieder zunehmend assimilieren. Viele der Eziden haben nur sehr wenig Ahnung über ihre Identität und ihre Religionsgeschichte.

Gibt es religiöse oder kulturelle Hindernisse oder Fälle bei denen Ihre Tradition eingeschränkt oder verboten wird?

Probleme ergeben sich nur von innen. Unsere Religion ist dogmatisch und hat eine Menge von Regeln und Hindernissen, die man entweder streng befolgen oder ganz ignorieren muss. Sie können nicht umgangen werden. Unsere Kultur gerät vor allem wegen uns selbst in Vergessenheit. Ein Grund dafür ist, dass es kaum Möglichkeiten gibt, die Kultur der Eziden am Leben zu halten. Beispielsweise gibt es keine ezidischen Kulturhäuser.

Zwar wird von der Regierung ein kulturelles Zentrum für nationale Minderheiten zur Verfügung gestellt, dies ist jedoch nur für die Organisation von Festen gedacht und stellt keine Möglichkeit für regelmäßige Arbeitsgemeinschaften wie z. B. dem rituellem Tanzen dar. In unserer Kultur wird Gesang und Tanz vor allem in den Versammlungshäusern von Generation zu Generation weitergegeben. Unsere 3-jährigen Kinder erlernen ezidischen Gesang und Tanz nur bei Hochzeiten, denn eine professionellere Möglichkeit steht uns momentan nicht zur Verfügung.

Ich habe selbst versucht, eine kulturelle Arbeitsgemeinschaft in Eriwan zu gründen, aber da Eziden hauptsächlich in Dörfern wohnen, ist das Besuchen von den Arbeitsgemeinschaften sehr schwierig bis unmöglich. Wir haben auch versucht, mit einem Tanzlehrer die verschiedenen Dörfer zu besuchen, um die Kinder vor Ort zu unterrichten, aber wir konnten die Finanzierung nicht aufrecht halten.

Sie sind im politischen und gesellschaftlichen Leben aktiv, haben Sie das Gefühl bei der Organisation einer Veranstaltung eingeschränkt oder gar diskriminiert zu werden?

Ich erlebe weder Einschränkung oder Diskriminierung aufgrund meiner Religion, noch gibt es ein Verbot an Veranstaltungen teilzunehmen. Es geht eher darum, dass die Eziden eine passive Rolle im öffentlichen Leben haben und nicht an den Veranstaltungen teilnehmen wollen. Seit den 90er Jahren hat es keine großen Aktivistengruppen gegeben, wenn dann waren es nur einzelne Personen. Also haben wir auch keine Unterdrückung von der Regierung erlebt.

Aber es ist immer noch eine andere Frage, wie die armenische Regierung auf Aktivisten reagieren würde, denn keine Regierung möchte, dass ethnische Minderheiten sich in das politische und öffentliche Leben des Volkes einmischen.

Gibt es Bildungsprobleme bei den Eziden in Armenien?

Das Bildungsniveau der Eziden ist sehr niedrig. Die meisten besuchen die Schule nicht bis zur 12. Klasse, weil es in ihrer Mentalität steckt, dass die Schule einen nicht zum Minister macht. Deshalb kehren sie nach ein paar Jahren zurück in ihr Dorf und beschäftigen sich dort mit Landwirtschaft und Viehzucht. Nur 10.000 Eziden leben in der Hauptstadt Eriwan.

Wenn es an armenischen Schulen mindestens 10-15 Eziden gibt, dann wird an der Schule Ezidisch angeboten. Jedoch werden diese Lehrer sehr schlecht bezahlt (max. 20.000 AMD, etwa 37€) und bekommen keine pädagogische Weiterbildung. Sie sind keine ausgebildeten Lehrer, sondern nur Eziden, die die Sprache beherrschen.

Gibt es mit dem Militärdienst verbundene Probleme?

Nein. Wenn wir in Armenien leben, sehen wir es als staatsbürgerliche Pflicht, der armenischen Armee zu dienen. Ich persönlich war nicht im Militärdienst und habe deshalb keine persönliche Erfahrungen in Bezug auf Diskriminierung und Unterdrückung.

Ich habe sowohl von Fällen gehört, bei denen ein Ezide unterdrückt und ausgegrenzt wurde, als auch von Fällen bei denen Eziden im Militärdienst eine höhere Autorität als andere Soldaten und sogar Generäle hatten.

Was sind Ihre Erwartungen an die Regierung?

Ich kann nicht viel von der Regierung erwarten, weil Armenien selbst begrenzte Ressourcen hat. Aber ich würde mir wünschen, dass Eziden aktiver in die Politik eingebunden wären. Sie könnten im Parlament wichtige Posten besetzen.

In welchem anderen Staat würden Sie gern leben? Ist Armenien ein guter Staat für Eziden?

Außerhalb Armeniens würden wir gern in einem eigenen, unabhängigen Staat leben. Wir haben keine sozialen oder finanziellen Probleme in Armenien, weil Eziden hier viele Fabriken und Firmen besitzen. Wir würden einfach in unserem Heimatland leben und das ist im Norden Iraks.

Anush Smbatyan, Gizem Buse Özer und Ferhat Sayın

Medien in Armenien

Heute haben wir den Online-Fernsehsender CivilNet besucht. Dort haben wir mit der Redaktionsleiterin Maria Titizian gesprochen, die uns viel über die Medienlandschaft in Armenien und die Strukturen von CivilNet erzählt hat. Wenn man über die Medien in Armenien spricht, muss man zwischen TV-, Online- und Printmedien unterscheiden.

Fernsehsender sind eine wichtige Informationsquelle in Armenien, aber sie alle sind von der aktuell regierenden Partei abhängig. Es gibt keine unabhängigen oder oppositionellen Programme, die regelmäßig ausgestrahlt werden. Laut Maria Titizian ist Fernsehen für viele Leute bis heute die Informationsquelle Nummer eins. Aber seit der Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes ist die Zahl der Menschen mit Internetzugang drastisch gestiegen – auf heute mehr als 60% der Bevölkerung. Das ist wenig im Vergleich mit Europa, aber viel, wenn man in Betracht zieht, dass es vor fünf Jahren weniger als halb so viel waren. Die Gesellschaft sucht und findet unabhängigen Medien vor allem im Internet. Dennoch ist das größte Problem der Onlinemedien die Möglichkeit zur Manipulation: Viele Journalisten schreiben Artikel von zweifelhafter Qualität und zitieren aus „eigenen Quellen“, die sie nicht benennen. Solchen Angaben kann man nicht vertrauen. CivilNet dagegen will immer vertrauenswürdige und korrekte Informationen bereitstellen. 

Printmedien spielen anders als Fernsehen und Internetmedien in Armenien nur noch eine sehr marginale Rolle. Zusammenfassend können wir sagen, dass es viele Faktoren gibt, die sich auf die Unabhängigkeit und Qualität der Medien auswirken. Besonders hervorzuheben sind die Finanzierungsmöglichkeiten. Je stärker eine Organisation finanziell unabhängig ist, desto mehr Freiheit hat sie und umso mehr Vertrauen genießt sie bei den Einwohnern.

Arshak, Aydan, Zare

Gehörlose als Minderheit

Greta Awagjan, 22, lebt seit 12 Jahren in Eriwan. Sie hat vor drei Monaten die Schule absolviert und ist die einzige Gehörlose in ihrer Familie. Sie hat mit uns darüber gesprochen, ob man von einer Minderheit von Gehörlosen sprechen kann und ob sie sich als Teil davon sieht.

Greta, wie hast Du Deine Kindheit verbracht?

Meine Kindheit war problemfrei. Meine Umgebung nahm Rücksicht auf mich, ich habe keine Beleidigungen oder Schikanen erlitten. Erst in der Schule stieß ich auf Schwierigkeiten. Vor allem fiel mir damals schwer, schreiben zu lernen und Gespräche zu verstehen. Die Leute sprachen zu schnell und ich konnte noch nicht Lippen lesen. Deswegen wurde ich nach vier Jahren allgemeinbildender Schule in dem Dorf, in dem ich geboren war, an eine spezielle Schule für Gehörlose in Eriwan versetzt.

Wie hast Du das Gehör verloren?

Ich bin nicht gehörlos geboren. Als ich zehn Monate alt war, verschlechterte sich mein Gehör wegen einer schweren Grippe. Mit acht Jahren konnte ich immer noch ein bisschen hören. Das Letze, was ich gehört habe, war die Stimme meiner Mutter, die ich nie vergessen werde. Dann wurde ich vollkommen gehörlos.

War es schwer anders zu sein?

In der Schule für Gehörlose gab man mir ein Hörgerät. Das kam für mich unerwartet, ich verstand nicht, wofür man es brauchte. Ich trug es ungern, da ich nur undeutlichen Lärm hören konnte. Worte verstand ich nicht. Deshalb verzichtete ich darauf und habe es seither nie mehr getragen. Das Gerät liegt irgendwo zu Hause. Gerade damals verstand ich, dass ich als Gehörlose anders bin. Aber schwer war diese Erkenntnis nicht. Schwer war es, die Menschen zu verstehen.

Wie ist es, in der Stille zu leben?

Ja, ich lebe in der Stille. Aber es ist schwer zu erklären, wie es sich anfühlt. Man muss selbst gehörlos sein, um das zu verstehen. Man muss es am eigenen Leib spüren.

Was war für Dich das Hauptproblem im Umgang mit Menschen?

Die Hörenden, darunter auch meine Familie, sprechen mit Zunge und Lippen. Die Gehörlosen sprechen dagegen mit ihren Händen. Sie kennen die Begriffe nicht, in denen die Hörenden denken. Deshalb war es sehr schwer, die Denkweise der Hörenden zu verstehen.

Sind in Deinem Freundeskreis mehr Gehörlose oder Hörende?

Ich habe viele hörende Freunde. Das ist darauf zurückzuführen, dass ich mich von anderen Gehörlosen in Armenien unterscheide. Ich lese gerne Bücher und entwickle dadurch meine Denkfähigkeit. Die meisten armenischen Gehörlosen machen gar keine Bücher auf. Deshalb kommuniziere ich lieber mit hörenden Menschen.

Fühlst Du Dich in der armenischen Gesellschaft integriert oder eher fremd?

Als ich vor einem Monat zum allerersten Mal ins Ausland fuhr, nämlich nach Italien, fühlte ich mich dort sehr wohl, weil die Italiener sehr nett und liebeswürdig waren. Das war eine ganz andere Welt im Vergleich zu Armenien. Aber ich bin in Armenien geboren und aufgewachsen. Es ist meine Heimat. Ich fühle mich hier nicht fremd.

Siehst Du Dich und Gehörlose als eine kulturell-soziale Minderheit?

Ich bin selbstverständlich Vertreterin dieser Gemeinschaftskultur. Aber ich verkehre auch in Kreisen von Hörenden. Deswegen stehe ich selbst irgendwo dazwischen und bin keine Minderheit. Aber die Gehörlosen im Ganzen können als eine Minderheit betrachtet werden.

Wären dann alle Gehörlosen der Welt als eine »Weltminderheit« anzusehen?

Schwierige Frage. In der Welt gibt es insgesamt rund 70 Millionen Gehörlose, in Armenien sind es 3500. Es gibt eine internationale Gebärdensprache, so wie Englisch für Hörende. Die Welt der Gehörlosen unterscheidet sich von der der Hörenden. Es gibt eine Grenze dazwischen. Deshalb leben die Gehörlosen als eine ausgegrenzte Gemeinschaft. Ich denke, die Hörenden sollten versuchen, Verständnis für die Kultur der Gehörlosen zu entwickeln, ebenso wie die Gehörlosen bemüht sein sollten, die Welt von Hörenden zu verstehen.

Siehst Du Dich selbst als behindert?

Nein, warum sollte ich? Ich höre zwar nicht, aber ich fühle mich weder gehörlos noch behindert. So wie alle Gehörlosen. Ja, wir hören nicht, aber wir haben Gefühle wie alle Menschen. Wir sagen, wir hören nicht mit unseren Ohren, sondern mit unseren Augen.

In der Türkei gibt es Leitstreifen für Blinde auf den Gehwegen, und die Firmen verpflichten sich, mindestens 7% Behinderte unter ihren Mitarbeitern zu haben. Wie gut sorgt sich der Staat um Behinderte in Armenien?

Die armenische Regierung redet immer viel, aber macht im Endeffekt gar nichts. Trotzdem kämpfen Behinderte für ihre Rechte und man kann einen kleinen Durchbruch beobachten. Ich freue mich darüber. Ich möchte, dass unser Staat den Behinderten mehr Aufmerksamkeit schenkt. Behinderte sind nicht daran schuld, dass sie so geboren wurden. Man muss sich um sie kümmern. Das wünsche ich mir für Armenien in Zukunft.

(Eine Katze huscht links ins Gebüsch, der Interviewer sieht sich nach ihr um, Greta auch.)

Warum hast Du den Kopf gedreht? Hast Du die Katze gehört?

Ich habe bereits gesagt, dass wir Gehörlosen mit unseren Augen hören und sehen. Wir bemerken sofort die kleinsten Bewegungen im Umfeld. Ich höre überhaupt keine Laute aber die Bewegungen nehme ich blitzschnell wahr.

Was ist Dein größter Traum?

Meinen persönlichen Traum kann ich nicht preisgeben. Das ist mein Geheimnis. Aber für die Welt wünsche ich mir, dass der blaue Himmel stets über die Erde scheint und dass die Menschen weder Kriege führen noch hungern müssen, sondern im Glück leben können.

Was ist das schönste Erlebnis Deines Lebens?

Ich habe viele schöne Erlebnisse gehabt. Vor einem Monat hatte ich Geburtstag. An dem Tag habe ich meine Freunde getroffen und von früh bis spät Überraschungen erlebt. Jenen Tag werde ich immer in Erinnerung behalten. Aber das größte Erlebnis war wohl, als ich vor zwei Jahren getauft wurde. Während des Taufrituals hatte ich das Gefühl, ich befinde mich in einer anderen Welt und nicht auf der Erde. Damals erkannte ich, wer ich bin. Ich habe mich selbst gefunden. Manche Menschen kommen zu dieser Erkenntnis mit 40, andere mit 60 oder 70 Jahren. Ich dagegen verstand es schon mit 20.

Und wie würdest Du Dich charakterisieren?

Ich bin ein Mensch, der immer den Mitmenschen, den Gegenüberstehenden zu verstehen sucht. Ich selbst bin voll von Widersprüchen. Außerdem versuche ich, die Wahrheit und die Gründe der menschlichen Flucht vor der Wahrheit zu finden.

Wenn Du für einen Tag Präsidentin Armeniens wärst, was würdest Du tun?

Ich habe nie darüber nachgedacht. Vielleicht würde ich die Gesetze verändern, die Gehörlose betreffen. Oder die zwischenstaatlichen Grenzen und Beziehungen ändern bzw. verbessern.

Wie ist Deine Haltung der Türkei gegenüber?

Ganz normal. Warum sollte ich die Türken schlecht behandeln? Es gibt überall gute Menschen und böse Menschen. Die heutzutage in der Türkei lebenden Jugendlichen sind nicht daran schuld, was ihre Urväter begangen haben. Warum soll ich sie beschuldigen? Ich wünsche ihnen alles Gute.

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Michael, Nazlı, Zare

Cocktailempfang an der Deutschen Botschaft Eriwan

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Am 28. August waren wir zum Cocktailempfang in die Deutsche Botschaft Eriwan eingeladen. Mit einem schönen Toast empfing uns Frau Nadia Lichtenberger, die Ständige Vertreterin der Deutschen Botschaft Eriwan. Neben weiteren Angehörigen der Deutschen Botschaft Eriwan nahmen außerdem der Leiter der Abteilung für Politik, Wirktschaft, Presse und Information der EU-Delegation in Armenien Dr. Dirk Lorenz und der Dekan der Fakultät für Übersetzen und Dolmetschen an der Eriwaner Staatlichen W. Brjussow für Sprachen und Sozialwissenschaften Harutyun Tshanshapanyan an der Veranstaltung teil.

Zum Empfang organisierte die Botschaft ein Buffet und es gab Wein und Saft zu trinken. Das Essen war sehr lecker und umfasste Gerichte, die sowohl in Armenien als auch in der Türkei bekannt sind. Während des Essens konnten wir ins Gespräch mit den Gastgebern kommen. Wir sprachen über verschiedene Themen, aber besonders über den Ablauf des Programms und die armenisch-türkischen Beziehungen. Die Atmosphäre war sehr nett und herzlich.

Zwei Teilnehmer, Anush aus Armenien und Ferhat aus der Türkei, hatten eine Überaschung für alle. Als Duett sangen sie die Lieder Սարի աղջիկ (Sari akhtschik auf Armenisch) und Sarı Gelin auf Türkisch. Alle Anwesenden waren sehr fasziniert.

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Am Ende der Veranstaltung bekamen Teilnehmer und Organisatoren der Bloggerreise von Nadia Lichtenberger und vom Lektor des DAAD Informationszentrums Eriwan Sandro Henschel Zertifikate über die erfolgreiche Teilnahme und Organisation des Projektes.

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Zizernakaberd

Wir betraten das Gelände von Zizernakaberd und bemerkten eine Musik, die zwischen den Bäumen klang. Es war wie eine Ode an die Menschen. Wir sahen von Weitem die zwölf Pylonen und sie sahen aus, als wären sie mit dem Himmel verbunden, da die Wolken in diesem Moment sehr tief hingen. Wir näherten uns den Pylonen und mit jedem Schritt fanden wir darin mehr Leben. In der Mitte war ein Feuer und es war von Blumen umgeben. Die Atmosphäre ließ Hoffnung aufkommen. Auf einmal blickten wir auf und stellten uns die Frage, warum nicht alle Menschen unter diesem Himmel in Frieden leben können.
Angesichts all der Kriege auf der Welt waren wir nicht sehr hoffnungsvoll, aber das ewige Feuer des Denkmals brannte immer noch. Wir sahen Familien, die mit ihren kleinen Kindern Zizernakaberd besuchten, das gefiel uns nicht. Schon in diesem Alter werden sie mit einem abstrakten, aber sehr mächtigen Hass konfrontiert: mit dem türkischen Hass während des Völkermords und dem daran anschließenden armenischen Hass.

Danach gingen wir ins Museum. Im Eingang sahen wir eine Landkarte der Türkei, auf der die Städte angekreuzt waren, in denen Massaker stattgefunden hatten. Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Alles war in schwarz-weiß gehalten. Die Wände trauerten. Die Führerin sah sehr freundlich aus, aber die Wörter, die sie wählte, waren scharf, manchmal verletzend wie eine Messerklinge. Sie erzählte die Geschichten zu den ausgestellten Bildern. Es gab sehr viele Fotografien von Menschen, die schuldig benannt wurden. Sie hingen dort wie in einem Gefängnis und vielleicht war das die größte Strafe, die die Armenier verhängen konnten – was aber nicht bedeutete, dass die Museumskuratoren damit nicht recht hatten. Außerdem fiel uns der Kontrast zwischen den schwarz-weißen Fotografien und der kunterbunten Sprache der Führerin auf, die unablässig sprachliche Purzelbäume zu schlagen schien.

Als wir am Ausgang des Museums ankamen, unterhielten wir uns mit der ganzen Gruppe offenherzig über unsere Gefühle – aber ohne Schuldzuweisungen. Und wir bemerkten, dass wir stärker verbunden waren als zuvor.

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Zeynep, Anush und Gizem

Matenadaran, altertümliche Schriften, Armeniens Stolz

Das Forschungsinstitut und zugleich das Museum der alten Manuskripte in Eriwan waren ein wichtiger Bestandteil unseres Programms, und wir waren sehr froh, es besichtigt zu haben. In erster Linie fand ich bewundernswert und bedeutsam, dass man zahlreiche Manuskripte unter einem Dach gesammelt und für Forscher zugänglich gemacht hat. Besonders interessant für mich war die materielle Seite der Herstellung von Handschriften, beispielsweise verarbeitete man die Haut von Kälbern zu Blättern und produzierte Farben aus Würmern, Pflanzen und Steinen.

Wir sahen in Matenadaran nicht nur religiöse Schriften, sondern auch den Werdegang armenischer Bildungskultur: Der Erfindung des armenischen Alphabets von Maschtots im 5. Jahrhundert folgte die Übersetzung der Bibel ins Armenische, die als eine der originalgetreuesten gilt. Der erste auf Armenisch geschriebene Satz lautet: „zu lernen Weisheit und Zucht und zu verstehen verständige Rede“ (Sprüche 1,2). Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Bibel handschriftlich von Geistlichen und Mönchen vervielfältigt, wobei die Bibelfassungen immer kleiner und feiner wurden. Letztendlich erscheinen mit Erfindung des Buchdrucks die ersten gedruckten Bücher auf Armenisch.

Bemerkenswert war auch der Einfluss von persischen, byzantinischen und weiteren Elementen auf die armenischen Miniaturen. Außerdem sind mir die Ausstellungsräume in Erinnerung geblieben, welche die Architektur einer Kirche nachahmten, so dass nach den Worten der Führerin die Manuskripte immer noch unter Obhut der Kirche aufbewahrt werden.

Nazlı war vor allem aufgefallen, dass die armenischen Buchstaben im Alphabet in senkrechten Spalten, und nicht linear wie im türkischen Alphabet, dargestellt sind. Die Führerin erklärte es damit, dass die Buchstaben als Ziffern benutzt wurden, d.h. die erste Spalte für 1-9, dann jeweils Zehner, Hunderter und Tausender. Sie war auch von der Geschichte des größten Buches, einem Evangelium aus Muş, begeistert. Das Buch wurde wegen seiner Größe und Schwere während des Genozids in zwei Teile geteilt und von zwei Armenierinnen gerettet. Der eine Teil wurde nach Edschmiadsin gebracht, und der andere eingegraben und später von einem russischen Offizier gefunden.

Michael hat uns seinerseits darüber erzählt, wie unterschiedlich die Gesichter der Heiligen und Apostel in unterschiedlichen Ländern dargestellt werden. Die Figuren auf den armenischen Manuskripten hatten typisch armenische Gesichter. Aus Dokumentarfilmen und durch Erzählungen seiner Freunde weiß er, dass beispielsweise auf dem Bild des Heiligen Abendmahls in lateinamerikanischen Kirchen Gestalten mit indigenen, lateinamerikanischen Antlitzen zu sehen sind und die Heilige Gottesmutter in Südafrika wie eine Schwarzafrikanerin aussieht. Das war für uns lustig zu erfahren.

Michael hält Matenadaran für den Hauptschatz der armenischen Kultur. Seiner Meinung nach sollte Armenien aufgrund seiner jahrhundertelangen Tradition der kirchlichen Geschichtsschreibung das Forschungsinstitut noch stärker fördern und es zu einem der wichtigsten Forschungszentren über das Altertum ausdehnen.

matenadaran.am

Irem, Nazlı, Michael

Weinende Schwalbe

Als wir am Zizernakaberd Denkmalkomplex ankamen, kam uns eine Frau entgegen, die sich gerade Tränen aus dem Gesicht wischte. Schon in diesem ersten Moment fühlten wir den Druck der Vergangenheit. Mit Blick auf das ewige Feuer waren wir in Gedanken vertieft und fühlten uns ganz düster. Das Feuer brennt ständig zur Ehrung der gestorbenen Menschen, an die sich die Armenier immer erinnern werden. Zizernakaberd hat noch weitere Bedeutungen: Beispielsweise gibt es einen Konzertsaal, der wie eine Schwalbe geformt ist, weshalb das ganze Gebäude auch so genannt wird; oder mehrere Säulen, die für die einzelnen Regionen stehen, die in der Zeit des Völkermords verloren wurden oder eingetauscht werden mussten. Wir fanden die Anlage sehr eindrucksvoll und bedeutsam.

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Danach gingen wir ins Museum und es gab viele Bilder über den Völkermord von 1915. Die Leiterin zeigte uns das ganze Archiv in chronologischer Reihenfolge. Als erstes sahen wir, was für wichtige Rollen die Armenier im Osmanischen Reich gespielt hatten. Meistens waren sie im kulturellen oder wirtschaftlichen Bereich aktiv. Dies hat mir ein bisschen die Zuversicht gegeben, dass sie zumindest damals ein gutes Leben hatten. Im zweiten Teil konnten wir sehen, dass durch den Berliner Kongress die Armenische Frage internationale Bedeutung bekommen hatte, aber Abdülhamit II. wollte die Frage anders lösen. Im dritten Teil fingen die schrecklichen Taten an. Abdülhamit II. löste den ersten Teil des Völkermords aus, den die Jungtürken dann vollendeten. Am 24. April 1915 wurden die ersten armenischen Eliten deportiert und getötet.
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Durch Fotos aus der Zeit konnten wir im Museum den Völkermord detaliert nachvollziehen. Manchmal waren wir über das, was uns die Leiterin erzählte, überrascht und fühlten uns dann traurig für die Menschen, die ohne einen Grund ermordet wurden. Aber am meisten waren wir erstaunt darüber, wie unterschiedlich uns die Geschichte zu Schulzeiten in der Türkei erzählt wurde. Wir erfuhren eine ganz andere Sicht auf die Ereignisse und „die eine Wahrheit“, die wir aus den Schulbüchern gelernt hatten, wurde in Frage gestellt. Am Ende ist egal was passiert ist, auf beiden Seiten hatten viele unschuldige Menschen ihr Leben verloren.

İpek, Başak und Mariam

Ferhat: Die ersten Eindrücke von Eriwan

An meinem ersten Tag in Eriwan wachte ich sehr froh auf. Meine Freund Taron war äußerst nett und fürsorglich. Er hatte mir schon eine SIM-Karte gekauft und Frühstück gemacht. Wenn es auf der Welt nur einen Staat gäbe, hätte ich gern, dass Taron der Präsident wäre. Als wir durch Eriwan spazierten, suchte ich eigentlich den Ararat. Aber leider regnete es. Eriwan versteckte den Ararat vor mir wie ein kleines Nachbarskind, das mich nicht mit seinem Spielzeug spielen lassen wollte, wenn ich zu Besuch war. Das ist wahre Liebe.

Während wir durch die Stadt bummelten, fühlte ich mich wie in Frankreich. Alles war erleuchtet wie in Paris und alle liefen durch die Straßen, als würden sie tanzen. Die Schönheit von Eriwan war nicht im Museum zu finden, sondern in den Gesichtern der Menschen. Als läge am Rande Asiens ein europäisches Land. Lieben ist, in Eriwan den Ararat zu suchen. Ich hoffe, dass ich morgen endlich den Berg zu Gesicht bekomme. Erst dann kann ich dich noch mehr lieben, Eriwan.