Sevan, eine Stadt zu Hause

Früh am Morgen waren wir nach Sevan aufgebrochen. Als wir an der Bushaltestelle ankamen, erfuhr ich, dass man in Armenien für nahe Städte keine Busse, sondern „Marshrutkas“ benutzt. So warteten wir eine halbe Stunde, bis alle Plätze im Minibus belegt waren.

In Eriwan hatten wir viele Verkehrsmittel benutzt und uns wie ein Armenier gefühlt. Diese Fahrt, die eine Stunde dauerte, war die längste die wir bis dahin in Armenien gemacht hatten. Der Weg nach Sevan war von Bergen umrahmt. Der klare Himmel und die Wolken über der Steppe waren beindruckend. Nach unserer Ankunft sind wir ein kleines Stück durch die Stadt gelaufen, bis wir bei Yerahunis Haus ankamen. Die ganze Familie hat uns an der Tür begrüßt. Yeranuhi hat uns gleich zu ihrem Gewächshaus geführt, wo wir verschiedene Sorten von Früchten und Gemüsen begutachteten. Ein kleines Kätzchen, völlig verschlafen in der Hitze, ließ mit sich schmusen.

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Nach ein paar Minuten kamen Nadja und Ivan. Yeranuhis Familie begrüßte sie und fing selber an, Fragen zu stellen. Das Interview war sehr angenehm. Die Familie lächelte uns an, so dass wir den Eindruck hatten, sie waren zufrieden. Gleich nach dem Interview sind wir in den Garten gegangen, um Gemüse zu pflücken. Nachdem wir Fotos mit der russischen Familie gemacht hatten, bestand Yeranuhis Familie darauf, dass die beiden auch zum Mittagessen blieben. Die Art und Weise, wie sie die Gastfreundschaft mit ihrer Körpersprache ausdrückten, war genauso, als wären wir in der Türkei und hätten selbst Besuch.

Fünf Minuten später saßen wir an einem riesigen Tisch und die ganze Familie war versammelt. Armenier, Türken und Russen, alle zusammen an einem Tisch mit Gerichten, die wir seit hunderten von Jahren gemeinsam haben. Es gibt Momente, in denen man nicht unbedingt dieselbe Sprache sprechen muss, um kommunizieren zu können. Das war einer dieser Momente, in dem Essen alle Grenzen öffnete. Nach dem Essen hat uns die Familie ihr Haus gezeigt. Yerahunis Mutter hat uns ihre Sammlung von Perlenstickereien vorgeführt, Yeranuhis Bruder die Bilder, die er gemalt hat. Als wir uns von der russischen Familie verabschiedeten, luden sie uns ein, wieder nach Sevan zu kommen. Sie haben sogar unsere Kontaktdaten aufgeschrieben, so dass ihre Kinder uns kontaktieren können, falls sie nach Istanbul kommen.

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Nach diesem hervorragenden Mittagessen haben wir uns mit der Familie Richtung Sewanawank, der Halbinsel, auf der das gleichnamige Kloster liegt, aufgemacht. Der Weg zum Kloster führte über die Küste vom Sevansee: Pepsi- und Coca Cola-Schirme, Zelte und ein kleiner Basar, der mich an meine Sommerferien als Kind in Izmir erinnerte. Das Kloster lag auf der kleineren Seite von Sevan. Der blaue Himmel, Berge und Wolken umrahmten den stillen See. Man könnte stundenlang vor dem Kloster sitzen, vielleicht etwas schreiben oder einfach das Blaue ansehen. Ein alter Mann spielte Oud und sang armenische Lieder. Yeranuhi erzählte uns, dass er jeden Tag auf den Treppen des Klosters dieselben Lieder singt. Weil wir sehr wenig Zeit hatten, sind wir schnell zum See gegangen. Wir hörten persische Popmusik und erfuhren, dass viele Perser im Sommer nach Armenien kommen, um Urlaub zu machen. Deshalb sei es üblich, dort persische Lieder zu hören.

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Wenn man das erste Mal am Sevansee ist, soll es Glück bringen, ins Wasser zu gehen. Da wir nur wenig Zeit hatten, haben wir nur unsere Hände erfrischt. Danach sind wir wieder nach Hause gegangen, wo Yeranuhis Mutter frische Gatas für alle Blogger gebacken hatte. Das frische Gemüse, das wir gepflückt hatten, gaben sie uns dazu. Yeranuhis Onkel, der uns unbedingt kennenlernen wollte, kam auch noch vorbei. Als wir uns von der Familie verabschiedeten, lud uns die ganze Familie ein, wiederzukommen. Yeranuhis Onkel sagte, dass die junge türkische Generation nicht für den Völkermord verantwortlich ist und dass es sehr wichtig ist, uns zu versöhnen.

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Der kleine Ausflug nach Sevan gab mir das Gefühl, dass die Grenze zwischen Armenien und Türkei eine erfundene Erscheinung ist und dass diese Grenze eigentlich nicht zwischen den Völkern existiert. Man fühlt sich, als ob man einen kleinen Ausflug zu einem Ort gemacht hätte, an dem man zu Hause ist.

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Irem

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