Über Sevan, Molokanen und Patriotismus

Wir wurden von dem russischen Paar Ivan und Nadja herzlich begrüßt und haben direkt mit dem Interview angefangen.

Wann sind sie hierher gekommen? Oder sind sie hier geboren? Was ist ihre Lebensgeschichte?

Ivan: Im Jahre 1840, als Nicolai der Erste der König von Russland war, hat er die Molokanen wegen ihrer Religion aus Russland in verschiedene Länder ausgewiesen.  Molokanen sind auch Russen, nur ihre Religion unterscheidt sich von der Russisch-Orthodoxen Kirche.

Die Molokanen glauben nur an Jesus Christus, sie akzeptieren nicht das Kreuz als Symbol. Sie denken, dass Jesus Christus bei der Kreuzigung sehr gequält wurde und deswegen betrachten sie das Kreuz nicht als etwas Heiliges. Wegen dieser Meinungsverschiedenheit hat Nicolai der Erste diese Gemeinde gesammelt nach Zentralasien und in den Kaukasus getrieben: Semyonovka, Kalinov, Karakli, Fialetov, Eriwan und sogar Kars. Eine Gruppe hat im heutigen Sevan das Dorf Yelenofka gegründet und wohnt bis heute an diesem Ort. Wir stammen aus dieser Gemeinde.

Wie war Ihre Kindheit und wo haben Sie sie verbracht?

Nadja: Wir haben unsere Kindheit in einer russischen Umgebung verbracht, aber obwohl unsere Schule russisch war, waren die meisten unserer Freunde Armenier.

Haben sie Konflikte mit Armeniern gehabt?

Ivan: Nie. Die Bevölkerung unserer beiden Nachbardörfer, ein russisches und armenisches, lebt bis heute in Frieden.

Sind sie Russen oder Molokanen?

Ivan: Wir sind Russen, aber man nennt uns Molokanen.

Was bedeutet das Wort Molokan?

Ivan: Es gibt zwei Versionen. Einige sagen, dass es in der Region Tambov ein Fluss mit dem Namen Malagavar gab, wo unsere Vorväter gelebt haben. Ein andere Version führt den Namen darauf zurück, dass es nur wenige von diesen Leuten gab. Auf Russisch heißt wenig „malo“ und deswegen hat man diese Menschen so genannt.

Wie war ihre Jugend?

Nadja: Nach dem Grundschulabschluss sind wir zusammen zum Gymnasium gegangen. Besonders die Pionerzeiten mit Reisen in verschiedene Länder sind uns in Erinnerung geblieben.

Ivan: Damals gab es keine Grenzen. Besonders zu Zeiten der Sowjetunion hatten wir die große Möglichkeit, zu günstigen Preisen ins Ausland zu fahren. Wahrscheinlich hatten wir damals mehr Möglichkeiten als die heutige Generation.

War es leicht als Teil einer Minderheit eine Arbeit in Armenien zu finden?

Nadja: Wir haben uns hier nie als Fremde gefühlt. Wir waren und sind Bewohner dieses Landes. Wenn das Volk in einer schlechten Situation war, wie zum Beispiel in den neunziger Jahren, war unsere Situation auch schlecht. Jetzt ist es viel besser geworden und hoffentlich bleibt es so.

Ivan: Was die Arbeit betrifft, haben wir keine Probleme. Ich bin Schweißer. Oft wählen die Arbeitgeber sogar speziell Russen aus, weil sie mehr Vertrauen in ihre Arbeit haben.

Gibt es Feiertage, die sie gerne feiern?

Nadja: Wir feiern nicht nur russische, sondern auch armenische Feste. Unser beliebtestes Fest ist Ostern. Im Unterschied zu den Armeniern feiern die Russen Ostern an einem anderen Tag  wir feiern beide.

Ivan: Wir feiern aber religiöse Feiertage nicht so stark. Wir glauben an Gott und für uns ist es wichtig von ganzen Herzen gläubig zu sein und immer gutes zu tun. Sehr wichtige Tage sind für uns unsere Geburtstage und Hochzeiten.

Nadja: Es war auch ein sehr besonderer Tag, als unsere Tochter ihr Medizinstudium absolviert hat.

Welche Sprache sprechen sie zu Hause?

Ivan: Meistens sprechen wir auf Russisch, aber wir benutzen auch sehr viele armenische Wörter. Meine Tochter und mein Enkelkind sprechen und lesen auf Armenisch. Meine Tochter ist auf eine russische Schule gegangen, hat aber an einer armenischen Universität studiert. Mein Enkelkind ist an einer armenischen Schule, aber es wäre besser, wenn sie auch auf eine russische Schule gehen würde. Das Problem besteht darin, dass es nur sehr wenige russischen Schulen gibt und die Zahl der Russischlehrer immer kleiner wird.

Wie wäre Ihr Leben, wenn Sie Armenier wären?

Ivan und Nadja: Genauso.

Was denken sie über die neuen Russen, die nach Armeniern ziehen?

Nadja: Wir kennen nicht so viele neuen Russen. Es gibt sehr wenige Russen, die zum leben hier her kommen. Nach Russland ist es schwer, in Armenien zu leben.

Ivan: Umgekehrt ist es auch schwer. Ich bin dreimal nach Russland gefahren, und dort habe ich das Gefühl gehabt, dass es in Armenien viel besser ist.

Nadja: Mein Mann ist ein großer armenischer Patriot.

Ivan: In Russland leben die Russen anders. Wir haben uns an Armenien gewöhnt. Ich werde niemals Armenien verlassen, ich werde hier sterben.

Was denken sie über die Armenisch-Türkischen Beziehungen und unsere Bloggerreise?

Ivan: Auf der ganzen Welt soll immer Frieden herrschen. Das ist mein einziger Wunsch. Diese zwei Völker müssen auch in Frieden leben und offene Grenzen haben. Krieg hat noch nie jemandem etwas gutes getan.

Nadja: Ich möchte, dass die Türken den Völkermord an den Armeniern anerkennen. Sie habe so viele Menschen getötet. Die Tatsachen und Bilder sind so schrecklich, das darf man nicht vergessen. Über eurer Programm kann ich sagen, dass es eine gute und gelungene Zusammenarbeit ist. Es ist ein wichtiger Schritt der jungen Generationen, um die Beziehungen zu verbessern.

Anfangs war Nadja sehr interessiert daran, die Fragen zu beantworten, aber später hat Ivan dann die Konversation in die Hand genommen. Nadjas Körpersprache war sehr ruhig und sie sah traurig aus; Ivan hingegen benutzt viel Mimik und Gestik während seiner Antworten und er war dabei sehr amüsant, aber streng. Als er angefangen hat zu husten, ist er vom Tisch gegangen, um unsere Aufnahme nicht zu stören. Ab und zu haben sie mit uns (den türkischen Studentinnen) Späße gemacht. Daher haben wir verstanden, dass sie sich wohlgefühlt haben. Bei der letzten Frage fing Nadja an zu weinen, aber lächelte gleich danach wieder. Vielleicht war das Lächeln Armenien und das Weinen Russland. Wie man so sagt: Lachen und Weinen sind Geschwister. Länder können sich ändern, aber die Gefühle sind immer da, vielleicht sind sie grenzenlos.

Yeranuhi Smbatyan, Irem Gülersönmez, Zeynep Öner

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